Fußball in Karlsruhe
Jugendarbeit aus Sicht eines Jugendtrainers des ASV Durlach

Wie holt man Kinder in die Vereine und wie hält man sie ?

Seit ich fünf Jahre alt bin spiele ich Fußball. Heute, September 2017 bin ich 47. Seit mein Sohn laufen kann bin ich mit ihm in Sachen Kinder- und Jugendtraining unterwegs. Ausserdem betreibe ich Schule- Vereinskooperationen im Namen des ASV Durlach. Bis September 2017 war ich fünf Jahre mit dieser Tätigkeit im Namen der SpVgg Durlach-Aue unterwegs. Bei dieser Tätigkeit bin ich an drei Durlacher Schulen und einer Karlsruher Schule engagiert. Diese Tätigkeit betreibe ich hauptberuflich. Ich habe Sportwissenschaften an der Uni KA studiert, wo ich auch die Gelegenheit bekommen habe bei Jörg Daniel meine Schwerpunktfach Ausbildung Fußball zu machen und im Zuge dieser an der Sportschule Schöneck meine B-Lizenz zu absolvieren.

Diese Arbeit habe ich im Herbst 2011 verfasst und dem BfV zur Verfügung gestellt.

Ich befasse mich sehr intensiv mit Fußball und habe Kinder in allen Altersstufen in meinen Kursen bzw. Mannschaften. Und es stellt sich mir die Frage:

Warum gibt es Vereine die nur jeweils eine Jugendmannschaft in den Altersstufen haben, oder manche auch gar nicht besetzt sind ?

Und :
Warum gibt es Vereine die gar keine Jugendmannschaften mehr stellen können ?

Zu diesem Thema möchte ich hier ausführlich Stellung nehmen und sowohl die Grundsätze, als auch die praktische Anwendung dieser Gegebenheiten bearbeiten.

1. Generelle Problematik im Vereinswesen

Keine Sportart ist in Deutschland so populär wie Fußball. Das Interesse an diesem Sport teilen wir mit der ganzen Welt. Fußball verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft. Jeder kann überall auf der Welt Fußball spielen. Fußball ist der Sport überhaupt. Die Begeisterung einem Ball nach zu jagen liegt in uns. Wir, also alle die wir uns als Trainer engagieren, teilen diese Leidenschaft. Fußball ist uns sehr wichtig. Diese Begeisterung müssten wir eigentlich tansportieren. Täten wir das, in geeigneter Weise, würden unsere Vereine aus allen Nähten platzen und wir hätten keinerlei der beschriebenen Probleme. Was läuft also falsch ? Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, möchte ich an dieser Stelle die idealtypische Vorstellung einer erfolgreichen Jugendarbeit beschreiben.

2. Idealtypischer Aufbau einer Vereinsjugendabteilung

Zunächst müssen wir uns klar machen, was den Fußballsport ausmacht. Was wollen die Kinder eigentlich, die zu uns in die Vereine kommen ? Diese Frage lässt sich sehr leicht beantworten. Sie wollen natürlich Fußball spielen. Das ist der Kern, das ist die intrinsische (eigener Antrieb) Motivation, der Kinder und Jugendlichen. Sie wollen kicken. Das ist unsere erste Aufgabe als Trainer. Wir müssen sie spielen lassen. Deswegen kommen sie zu uns. " Ein Trainer der viel weiß, gibt wenig Preis" ( Horst´Wein ) , den ich persönlich bei einem Trainerlehrgang in Hoffenheim kennenlernen durfte und mit dem ich mich danach noch eine Weile per mail ausgetauscht habe. Ich schätze ihn sehr. Dieser Satz von Horst muss uns zu denken geben. Wie oft stehen wir auf dem Platz und verrennen uns in Erklärungen und Übungen, noch und nöcher ? Wie oft quälen wir die Kinder mit unserer übereilten Art, alles am besten auf einmal und sofort weiter zu geben, was uns als Erwachsene wichtig erscheint ? Hier liegt schon der größte Fehler der gemacht werden kann. Hier ist die Wurzel des Übels zu finden, die es herauszureißen gilt. Nicht wir machen Spieler, nein, die Spieler entwickeln sich selbst. Wir müssen unsere Grundeinstellung ändern. Wir sind nicht dazu da, das nächste Spiel mit der Mannschaft zu gewinnen. Wir sind dazu da, den Spielern bei ihrer Entwicklung zu  helfen, ihnen einen guten Boden bereiten, auf dem sie wachsen können. Auch gewinnt nicht der Trainer das Spiel oder verliert es, sondern die Mannschaft tut es.
Es ist also wichtig, dass wir bereit sind uns zu hinterfragen und ganz neu orientieren.

Eine gute Jugendarbeit macht aus, dass sie zunächst in allen Altersstufen den Kindern die Möglichkeit schafft Fußball zu spielen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir Trainer müssen uns da ganz heraus nehmen. Allerdings ist das nicht so zu verstehen, dass wir nur rumstehen sollen und nichts machen dürfen, nein im Gegenteil, wir müssen mitmachen, mitspielen uns anstrengen und unsere Begeisterung zeigen. Wie oft stehen Trainer mit verbissenem Gesichtsausdruck am Spielfeldrand. Teilt Euren Gesichtern mit, dass Euch Fußball spielen Spass macht und lacht doch mal mit Euren Jungs, seit ein Teil der Meute, macht Euch zum Anführer der Bande, nicht zum Offizier der Einheit.
Auf diese Weise werden viele Kinder zu euch in den Verein strömen, denn es wird sich herumsprechen, dass es bei euch Spass macht. Das ist zuallererst das Wichtigste überhaupt. Dann bekommt ihr Zulauf, dann wachsen die Trainingsgruppen. Das ist die Basis die geschaffen werden muss. Eine breite Basis, bestehend aus vielen Kindern, die gemäß ihrem eigenen Wunsch Fußball spielen dürfen, soviel und so lange sie wollen. Auf dieser Grundlage baut dann alles Weitere auf.

2.1 Aufbau einer guten Jugendabteilung

2.1.1. Einrichten von Trainingsgruppen ( nicht Mannschaften ), möglichst für alle Altersstufen.

In diesem Schritt sucht der Verein Trainer, am besten mit Ausbildung, die bereit sind eine Altersstufe zu übernehmen. Am besten jemand, der bereit ist, sich an die oben beschriebene Basisvereinbarung zu  halten, nämlich nicht anfangen zu wollen eine Siegermannschaft zu trainieren, sondern, der bereit ist das Fußballspiel der Kinder zu organisieren, ihm einen Rahmen zu geben und bereit ist selbst aus Lust und Leidenschaft mit zu spielen, ohne sich auf zu spielen. Die Rahmenbedingungen müssen gegeben werden.

Beispiel für einen Aushang in der Schule, Kindergarten, beim Bäcker, Metzger usw.

Hallo liebe Fußballfreunde

Der FC Neu möchte Euch zum Fußballspielen einladen. Wir haben ein tolles Sportgelände und können auch in der Halle spielen. Wir suchen für alle Altersklassen Spieler. Du wirst stets ein tolles Training erleben, denn bei uns wird gespielt und nicht herumgestanden und gewartet. Ausserdem bekommt jeder Spieler im Training einen eigenen Ball um zwischendurch mal Tricks zu üben.

Unsere Tariningszeiten sind:

Montag : 17.00 h bis 18.30 h Platz 1 Jahrgang 2002 und 2003 bei Herrn Beckenhauer Tel. 656 usw.

Diese Art der Ansprache erreicht nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern, die sofern sie Verständnis für ihre Kinder haben, wissen, dass die Kinder in der Schule schon einem großen Druck ausgesetzt sind und in ihrer Freizeit kompensieren müssen und nicht noch mehr Druck brauchen.
2.1.2 Von Trainingsgruppen zu Mannschaften

Nun, es ist nicht zu erwarten, dass nun mit einem Mal am ersten Termin bereits alle Probleme des Vereins gelöst sind und unzählige Kinder auf dem Platz stehen, aber ein paar werden kommen und beim nächsten Mal ein paar mehr. So entwickeln sich die Trainingsgruppen zahlenmässig immer weiter und der Verein erhält kontinuierlichen Zulauf. Die Trainingsgruppen dürfen hier durchaus Stärken von 20 Kindern erreichen. Auf dieser Grundlage kann dann damit begonnen werden am Spielbetrieb teil zu nehmen. Dies ist durchaus auch schon bei kleineren Trainingsgruppen möglich, je nach Jugend  unterschiedlich. Dabei ist ganz wesentlich auf gerechtes Verhalten seitens der Trainer zu achten. Denn es ist nicht wichtig, das Spiel zu gewinnen, nein das ist Nebensache. Wichtig ist, dass sich die Kinder gerecht behandelt fühlen. Das wird erreicht, indem jeder, aber auch wirklich jeder in die Spielmannschaften eingeteit wird, und jeder auch im Spiel eingesetzt wird, und zwar zu gerechten Teilen, so dass am Ende jeder ungefähr die gleiche Spielzeit hat. Diese Forderung hört sich zunächst einfach an, ist aber genau das Gegenteil, denn es erfordert wahre Größe des Trainers dieses durchzuhalten. Da wir nun alle keine Übermenschen sind, denke ich, dass es bis zu einem gewissen Grad legitim ist von dieser Route etwas abzuweichen, sie darf aber keinesfalls verlassen werden. Folgende Prinzipien sind grundsätzlich einzuhalten:

1. Jeder Spieler einer Trainingsgruppe kommt zum Einsatz
2. Die Mannnschaften werden so aufgestellt, dass alle Auswechselerplätze besetzt werden
3. Die Anfangsaufstellung besteht möglichst aus einer zufälligen Kombination der Spieler, die Kinder werden im Vorfeld aufgeklärt, dass es Zufall ist, wer zuerst spielt, damit sich keiner benachteiligt fühlt. Feste Positionen werden bis einschließlich E Jugend nicht vergeben.
4. Im Spielverlauf wird gerecht gewechselt, am besten nach der Uhr, um wirklich gerecht zu sein, denn hier sind Kinder sehr empfindlich. Sollte das Spiel am Ende verloren werden, so ist es gut, den Kindern zu verdeutlichen, dass Fußball eine Mannschaftssportart ist, und alle zur Mannschaft gehören, die aufgestellt sind und entsprechend ein Recht zum Spielen haben.
Das tut zwar manchmal weh, ist aber besser als Kinder auf der Bank zu lassen, denn diese werden das nicht oft hinnehmen und den Verein wieder verlassen. Aus diesem Grund ist dieses Prinzip sehr wichtig.

5. Kein Kind wird kritisiert und schon gar nicht vor der Mannschft
Dieses Prinzip ist enorm wichtig einzuhalten. Alle Kinder die den Platz betreten strengen sich maximal an, jeder gibt sein bestes, das ist was zählt. Man stelle sich vor einer erzielt ein Eigentor. In diesem Fall hat der Spieler ein Erlebnis der Peinlichkeit sondersgleichen. Was schlimmeres kann passieren, als das ? Ich habe ein Eigentor gemacht. Ich habe mich angestrengt das Tor zu verhindern und nun landet der Ball wegen mir im eigenen Netz, oh nein, was wird nur werden ?

Hier gibt es jetzt zwei Wege.

5.1 der Gute Weg:

Der Trainer unterbindet sofort das aufkommende Gemotze aus den eigenen Reihen und führt danach mit der Mannschaft ein Gespräch. Gleichzeitig erteilt er dem Spieler noch auf dem Feld die Absolution und ruft ihm zu, dass er weiter machen soll, dass das nicht schilmm ist und, dass das jedem passieren kann. " Egal, sowas ist mir auch schon mal passiert, streng dich weiter an, das ist nicht schlimm, los vorwärts. "

 5.2 der falsche Weg:

Der Trainer steht am Spielfeldrand und rauft sich die Haare. Und ruft Sachen wie: " Das darf ja wohl nicht wahr sein, Du Tollpatsch, ich habe Dir doch schon hundert mal gesagt, dass Du da nichts verloren hast, Du musst Deine Position halten, ich hol Dich raus, Katastrophe.........." Dieser Trainer macht das Kind, das ohnehin schon unter seinem Fehler leidet, zusätzlich noch fertig. Das Kind wird vor der Mannschft bloß gestellt und wird sich schwach und elend fühlen, vermutlich wird es sogar, je nach Konstitution, sogar anfangen zu weinen. Dieses Kind hat danach wahrscheinlich keine Lust mehr ins Training zu kommen und wird mit diesem Stachel im Bein, wahrscheinlich bald den Trainer verlassen.


2.1.3 Die Leistungsmannschaft

Auf der Grundlage des zuvor beschriebenen entsteht nun mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis zwischen den Spielern und ihrem Trainer. Dieses Vertrauen muss durch Beziehungsarbeit noch zusätzlich unterstützt und gefördert werden. Beziehungsarbeit bedeutet, dass man die Kinder als Persönlichkeiten wahrnimmt und sich an ihrem Leben beteiligt, indem man ihnen Interesse entgegenbringt, das über den Sport hinausgeht, wie Fragen nach dem Befinden allgemein, nach der Situation in der Schule, was für Noten, welche Lieblingsfächer usw. Also Gemeinsamkeiten entdecken, wie ich habe früher auch gerne Mathe gemacht, oder Englich war mein Lieblingsfach, schade dass es dir keinen Spass macht.

Diese Beziehungsarbeit und die wertschätzende Art des Umgangs mit den Kindern im Training und bei den Spielen, führt zu einer emotionalen Annäherung der Kinder an den Trainer, der auf dieser Vertrauensgrundlage, die er über mehrere Monate aufbauen muss, nun den nächsten Schritt einleiten kann, nämlich die Zusammenstellung einer Wettkampfgruppe. Die Wettkampfmannschaft unterscheidet sich von der allgemeinen Trainingsgruppe. Sie wird als neue Mannschaft dem Spielbetrieb zugeführt. Hier werden nun nur die Besten eines Jahrgangs teilnehmen. Eine solche Leistungs- oder Wettkampfmannschaft unterliegt nun aber unbedingt einzuhaltenden Voraussetzungen.
Der Basisbereich muss breit und gut genug sein, um den " Verlust " der besten zu verkraften.

Die Kinder müssen zum Leistungskader gehören wollen.
Die Eltern müssen einverstanden sein, dass die Kinder in den Leistungskader kommen.
Die anderen Kinder dürfen sich nicht ausgeschlossen fühlen.

Die verbleibenden Kinder dürfen auf keinen Fall nach unten immer weiter in Leistungsstufen eingeteilt werden, denn sonst verliert die Basis ihr Fundament und der Spass bleibt auf der Strecke, weil der Frust in der untersten Mannschaft irgendwann überwiegt. Denn so wie man nach oben eine Elite schafft, schafft man nach unten auch ein Ghetto, wenn man die unteren Mannschsften nicht auf einem ausgewogenen spielerischen Niveau hält und man verliert die "schwachen" Spieler wieder, die aber die Grundlage der erfolgreichen Jugendarbeit darstellen.


3. Das Pädagogikproblem -Trainerversagen  oder "Was läuft also falsch?"

Da es nicht möglich ist innerhalb dieses Vortrages jeden Punkt, der es wert wäre, heranzuziehen und zu erarbeiten, wird in dieser Arbeit nur das wesentliche zum Teil beispielhaft, aufgezeigt, und ansonsten auf die besthenede Literatur verwiesen. Hier seien insbesondere die Standardwerke der Sportliteratur hervorgehoben, die sich mit Allgemeiner Pädagogik, mit Sportpädagogik, mit Entwicklungspsycholgie, mit Jugendpsychologie, mit Sportpsychologie und mit Kriminalitätsforschung beschäftigen. Das Feld, welches sich hier auftut, umfasst ein ganzes Studium. Hier geht es nun aber um die Praxis und um die wesentlichen Aspekte, die in der Praxis Berücksichtigung finden müssen, um erfolgreich zu sein.

3.1 Der Trainer

Wie oben bereits angeklungen ist der Trainer die Schlüsselfigur im Vereinsleben. Der Trainer ist derjenige, der mit den Kindern arbeitet. Mit ihm steht und fällt die Jugendarbeit. Ein verantwortungsvoller Trainer muss seine Rolle im Verein so spielen, wie sie von Ihm verlangt wird, wenn sie zu ihm passt, oder er muss sich ändern und sich seiner Rolle anpassen. Es gibt Traineraufgaben, die sich je nach Alter der Kinder und der Art der Mannschaft so sehr unterscheiden, dass es wirklich so ist, dass das was einTrainer in der einen Mannschaft macht, in der anderen Mannschaft der größte Fehler ist und umgekehrt. Je nach Altersstufe und Spielniveau muss sich der Trainer anders verhalten und sein Training den Gegebenheiten anpassen. Er muss es fühlen, er muss es antizipieren.
Zunächst einmal muss der Trainer sich von der Vorstellung verabschieden, dass es seine Aufgabe ist die Kindermannschaft zum Sieg zu führen. Bis einschließlich D- Jugend kann und darf dies nicht die Hauptmotivation sein. Ist ja schön, wenn man gewinnt, aber im Kinderfußball gibt es wichtigere Ziele. Der Sieg beim Meisterschaftsspiel, ist hier als sekundär zu werten. Was bringt der Sieg denn ?

Viel wichtiger ist es pädagogisch sinnvoll zu arbeiten und hier möglichst wenig Fehler zu machen. Die Kinder bleiben nicht weg, wenn sie verlieren, aber, wenn sie schlecht behandelt werden, schon. Der Siegesdurst des Trainers ist schon ein Teil dieser schlechten Behandlung, denn er setzt die Spieler unter Druck. Sie wissen, dass der Sieg erwartet wird und sie leiden unter den Strafrunden die sie laufen müssen, wenn sie sich allzu schlecht angestellt haben.  Im Anschluss möchte ich nun einige Anekdoten berichten, die ich selbst miterlebt habe.

3.1.1 Die ungerechtferigte Rüge

Bei einem Hallentraining steht ein Trainer mit dem Rücken zu seiner Trainingsgruppe und erklärt ganz wichtig, dass der Ball nun mit dem Innenseitstoß gegen die Wand zu spielen sei. Die Kinder stehen, jeder mit Ball in einer Querreihe hinter ihm und müssen warten, bis sie es endlich selbst machen dürfen. Doch der Trainer, ein von sich völlig überzeugter Junglehrer am Gymnasium, der alles weiss und sich deshalb auch von niemendem etwas sagen lässt, erklärt und erklärt. Standbeinhaltung, Spielbeinhaltung, Durchführung, eben alles auf einmal und sofort. Die Kinder gehören übrigens der örtlichen F Jugend an. Irgendwann geschieht das Unvermeidliche. Ein Junge schiesst seinen Ball gegen die Wand. Der Trainer fährt herum und fragt: " Wer war das ?" Der Schütze zeigt, nachdem die Frage wiederholt wurde und auch mit Nachdruck lauter ausgesprochen wurde, auf einen Mitspieler, der da zufällig in seiner Nähe steht. Der Trainer macht den unschuldigen Jungen vor allen runter: " Was fällt Dir ein, so etwas lasse ich mir nicht gefallen ! Ich habe doch gesagt, dass ihr warten müsst und erst einmal zuhören sollt ! " Der Junge stand völlig eingeschüchtert da und hat es nicht fertig gebracht, auch nur einen Ton dazu zu sagen. Er hatte dazu ohnehin keine Gelegenheit, denn das Trainertalent, selbstverständlich auch mit Lizenz, und traurigerweise sogar mit Studium, hat hier völlig versagt und das Kind auch nicht zu Wort kommen lassen. Das bis dahin bestehende Vertrauen des Kindes zu seinem Trainer war danach unwiederbringlich zerstört. Der Trainer ist bis heute der Ansicht, den Richtigen erwischt zu haben und ist froh einen Störenfried weniger in seiner Mannschaft zu haben.
Nun, dass dieser Trainer alles falsch gemacht hat, was man nur falsch machen kann, liegt hier so offensichtlich auf der Hand, dass es eigentlich keiner weiteren Worte bedarf, aber dennoch möchte ich zu diesem Fall noch etws hinzufügen

3.1.1.2

Der erste Fehler, den der Trainer gemacht hat, war, dass er nicht altersgerecht gearbeitet hat. Von F- Jugendkindern kann man nicht erwarten, dass sie längeren Erklärungen zuhören können und wollen. Denn sie sind zum Spielen gekommen ! Mit dem Rücken zu seiner Gruppe versucht hat etwas zu erklären. Das ist der zweite Fehler. Der dritte Fehler ist, dass er die Kinder fragt, wer es war. Erwartet er wirklich, dass sich der Schuldige meldet ? Der vierte Fehler ist, dass er dann dem Denunzierten ohne ihn zu fragen, oder die Gruppe zu fragen ob es stimmt, was der Denunziant gesagt hat, einfach ohne weiteres Nachfragen die Schuld unterstellt. Der sechste Fehler ist, dass er das"schuldige" Kind auch noch vor allen anderen bloß stellt und kritisiert. Der letzte Fehler ist, dass er noch nicht einmal im Nachhinein sein Verhalten hinterfragt und versucht die Situation zu klären. Null Punkte, voll versagt, setzen sechs, der Nächste.

3.1.1.3 Erklärungsansatz zum Trainerversagen

Der junge Gymnasialleher hält sich für toll. Klar er hat es zu einem Spitzenrang in der Gesellschaft geschafft. Als Fußballer war und ist er erfolgreich, wer kann ihm das Wasser reichen? Man könnte ihn auch als überheblich und arrogant bezeichen. Dieser junge Mann hat Lehramt Gymnasium studiert. Seine Schüler, mit denen er täglich zu tun hat sind mindestens zehn oder elf Jare alt. Hier hat er aber F- Jugendkinder vor sich, die so gar nicht in das entwicklungspsychologische Muster der 11 Jährigen passen. Die Kinder hier sind erst sieben und acht Jahre alt. Da er mit dieser Altersstufe offenbar nicht vertraut ist, kommt es zu seinem Fehlverhalten und zu seinem Versagen. Seine Selbstherrlichkeit besorgt den Rest.

3.1.2 Beschreibe ein Beispiel aus Deiner eigenen Laufbahn als Spieler. Es darf auch positiv sein. Beschreibe ein Beispiel aus Deiner eigenen Laufbahn als Trainer. Wann und wie hast Du schon einmal versagt ? Bereite Dich so vor, dass Du dein Beispiel präsentieren kannst.

3.1.3 Praxisteil in der Halle

Es werden verschiedene Situationen nachgestellt und nachempfunden, die die Teilnehmer erarbeitet haben.

3.2 Die Trainermotivation

Die Motivation eine Jugendmannschft zu trainieren und hier einen erheblichen Teil der eigenen Freizeit zu investieren kann, je nach Persönlichkeitsstruktur unterschieden werden.

3.2.1 Der altruistische Typ

Altruismus bedeutet, dass jemand etwas tut ohene dafür irgenetwas zu erwarten. Es ist die selbstlose Art, sich einfach bereit zu stellen und etwas Gutes zu tun. Der Altruist erwartet keine Zuwendung. Weder in monetärer noch in einer sonstigen Form. Dies ist die höchste Stufe, der Persönlichkeitsentwicklung, die erreicht werden kann.

3.2.2 Der prosoziale Typ

Der prosoziale Typ handelt in dem Sinne, dass er versucht sich gesellschaftlich mit seinem Tun positiv einzubringen. Er erwartet Anerkennung, auch in monetärer Form, als Anerkennung für sein Handeln. Der prosoziale Typ unterscheidet sich in seinem Handeln vom Altruisten nach Aussen nur unwesentlich. Nach Innen ist es aber schon ein Unterschied. Denn Anerkennung wird erwartet und eingefordert. Das prosoziale Handeln kann auf unterschiedlichen Grundlagen basieren. Man tut etwas Gutes für die Gesellschaft, man hebt sich ab. Oder das eigene Kind ist in der Trainingsgruppe und so kommt die Motivation zustande. Weitere Gründe sind persönliche Gründe, die sehr variabel sein können.

3.2.3 Der narzisstische Typ

Auch der Narziss ist als Trainer anzutreffen. Der Narziss hat aber eine ganz andere Motivation. Er sieht sich als Mittelpunkt. Er erwartet, dass sich alle nach ihm richten. Er ist kaum oder gar nicht in der Lage, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Der Narziss lobt nicht, an allem findet er noch etwas auszusetzen. Wer ihm im Wege ist wird weggeräumt. Er ist bis zu einem gewissen Grade auch gewaltbereit und aggressiv. Für ihn ist es vor allem wichtig den Sieg davon zu tragen, zwischenmenschlich ist er solange ein Freund, wie er keine Kritik erfährt. Er ist unkooperativ und beratungsresistent. Narzissmus gilt als psychische Störung.

3.2.4 Was ist Deine Motivation ?

4. Vereinsarbeit aus gesellschaftlich politischer Sicht

Jugendliche sind zuweilen gewaltbereit. Das jüngste Beispiel ist gerade ein paar Tage alt. Tuce wird zusammengeschlagen und verliert nach erfolgloser Behandlung ihr Leben. Sie ist dazwischen gegangen als andere bedroht wurden, wurde darufhin abgepasst und in der Folge tödlich verletzt. Woher kommt diese mörderische Gewaltbereitschaft ? Was läuft hier eigentlich falsch ? Diese Punkte werden in der Kriminologie erforscht und man ist hier schon ein Stück weit gekommen. Als Konsequenz hat man erkannt, dass Vereinsarbeit mit Jugendlichen hier unglaublich hilfreich ist und nicht zuletzt aus diesem Grunde gibt es heute öffentliche Gelder für Vereinsarbeit, im Sinne von Kooperationsmassnahmen Schule Verein. Hier werden durch öffentliche Mittel Sportangebote finanziert, die den Jugendlichen Halt in einer haltlosen Zeit geben sollen. Im folgenden wird nun die Problematik dargestellt, die sich den Jugendlichen und den Kindern heute präsentiert.

4.1 Das alleingelassene Kind

Heute ist es oft üblich, die Kinder schon sehr früh abzugeben. Wir kennen alle die Forderung der Gesellschaft nach Frühplätzen, für Kinder ab bereits unter einem Jahr. Aus der Sicht der Eltern ist dies insofern nachvollziehbar, als die Eltern zum Einen auf das Einkommen angewiesen sind und zum anderen auch keinen Karriereknick erleiden wollen. Sie wollen auch alles auf einmal und sofort. Beruf, Einkommen, Karriere. Das ist durchaus nachvollziehbar un verständlich. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist es allerdings verheerend, denn die kleinen Kinder brauchen ihre Mütter. Sie brauchen den ständigen Kontakt. Sie sind, bis sie mindestens drei Jahre alt sind, nicht bereit sich von der Mutter zu lösen. In der Literatur werden Fälle beschrieben, wo selbst dreijährige Kinder in eine vorübergehende Depression verfallen, wenn sie in den Kindergarten kommen. Für die Babies ist das noch viel schlimmer allein gelassen zu werden. Sie werden verlassen. Sie bauen keine feste vertrauensvolle Bindung zu ihrer Mutter auf, sie werden psychisch geradezu verstümmelt. Ohne diese mütterliche Nähe aufzuwachsen bedeutet, auch kein Urvertrauen aufzubauen. Anderen Menschen zu vertrauen wird ein schwerwiegendes Problem im späteren Leben. Auch Mitleid und Mitgefühl mit anderen werden nur bedingt entwickelt oder gar nicht. Auf der Grundlage dieses Defizits wird der erlittene Schmerz in der frühen Kindheit später zur Grundlage für Gewalthandlungen aller Art. Die unvorstellbaren Grausamkeiten, die wir in der NS Zeit in Deutschland erlebt haben, sind zum Teil auf eine gewalttätige und vernachlässigende Erziehung, wie sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts üblich war, zurück zu führen. Wer könnte, wenn er auch nur einen Hauch an Mitgefühl in sich hat, die uns allen bekannten Verbrechen begehen, die in der Nazizeit legitim waren ? Hitler selbst ist das beste Beispiel für eine derart mangelhafte Erziehung. Zu was er fähig war ist allgemein bekannt und bedarf hier keiner weiteren Ausführung.

4.2 Die haltlose Zeit

Heute gehen die Kinder in die Schule und bekommen gesagt, dass sie bei Harz 4 landen, wenn sie sich nicht anstrengen. Schule wird oft als Zwang empfunden und macht keinen Spass. Von Elternseite aus, gibt es oft auch keine Unterstützung in Sachen Lernen und Bildung. Solche in der Literatur als bildungsferne Haushalte bezeichnete Elternhäuser, sind ein weiterer idealer Nährboden für Gewaltbereitschaft, denn nicht nur, dass generelle Perspektivlosigkeit besteht, kommt hier auch noch die Vernachlässigung durch das Elternhaus dazu. Diese Leere und dieser Frust führen zu einer Haltlosigkeit, die sehr leicht in Gewalt umschlägt,

4.3 Der Verein

Konfrontiert mit den angerissenen Problemen, die das Feld der Problematiken gerade einmal ankratzen, das sich hier auftut, erwächst die Verantwortung der Vereine unsere Verantwortung, die wir der Gesellschaft gegenüber haben. Auch schwierige verhaltenskreative Kinder kommen zu uns, weil sie gerne Fußball spielen. Und wir als Trainer haben hier die Chance, etwas ganz wesentliches zu bewirken. Wir können diesen Kindern eine sportliche Heimat geben. Einen Anker in dem Chaos das sie umgibt, indem wir ihnen die Hand bzw. den Ball geben und sie annehmen. Sie brauchen uns, wir sind eine echte Chance für sie. Aus diesem Grund ist unsere Arbeit aus gesellschaftlicher Sicht so wichtig. Wir als Vereine, sei es nun Fußball oder eine andere Sportart, sind in der Lage hier einen Hafen für die Seelen der Kinder zu schaffen, wo sie fest vor Anker gehen können und sich sicher und geborgen fühlen können. Hier entsteht eine Zugehörigkeit, die ein Leben lang dauern kann. Hier ist eine zweite Heimat, hier werden feste Freundschaften geschlossen, die ein Leben lang halten können. Was für eine Bedeutung hat vor diesem Hintergrund noch der Sieg beim nächsten Spiel ?


Thorsten Hoffmeister - 15.10.2017



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