Amateurfußball in der Krise


Er schlägt seine Wurzeln bis ins hinterletzte Dorf des Landes und zieht die Menschen Sonntag für Sonntag scharenweise zum Fußballplatz: Der Amateurfußball mobilisiert seit Jahrzehnten die Massen, nicht vor dem Fernseher oder der großformatigen Beamer-Leinwand, sondern live und anfassbar direkt vor Ort. Doch natürlich hat er auch seine Haken und Macken, die jedem, der genauer hinschaut, schnell offensichtlich werden.

Der Amateurfußball bringt die Menschen zusammen

Amateurfußball, das ist Nachwuchsförderung par excellence. Wirklich jeder, sich auch nur ein wenig dazu berufen fühlt, hinter einen Ball zu treten, lässt sich über diesen Weg aktivieren. Und wer richtig was draufhat, fällt früh auf, er macht seinen Weg von Liga zu Liga bis ganz nach oben. Wenn wir die Amateure nicht hätten, dann gäbe es wohl kaum den Profi-Fußball, denn woher sollten all die Top-Player kommen? Doch bevor ausgesiebt wird, spielt jeder mit jedem in einer Mannschaft und auch gegeneinander.

Auf den untersten Ebenen treffen sich echte Sportler mit abenteuerlustigen Draufgängern, Spaßsuchenden und Leuten, die einfach nur ein bisschen Zusammenhalt im Team spüren möchten. Das hat auch gesellschaftliche Effekte, es bringt Menschen näher zusammen, die sonst vielleicht gar nichts miteinander zu tun hätten. Amateurfußball verbindet und schmiedet Leute zu einer Mannschaft zusammen, die sonst entweder eifrig im heimischen Garten kicken oder vor dem Fernseher hocken würden.

Slapstick auf dem Fußballplatz macht noch keine Superstars

Allerdings hat dies natürlich den Nachteil, dass die Jungs und Mädels auf dem Platz nicht immer dasselbe Ziel anstreben. Insbesondere in der Kreisliga geht es selten nur um den bestmöglichen Fußball. Hier wird der Sport als Hobby zelebriert, häufig steht das Mannschaftsgefüge statt der persönlichen Einzelklasse im Zentrum.

Und auch zum Schmunzeln, bieten sich immer wieder Situationen: So manch ein Spieler ist bereits direkt von der vorhergehenden Party auf den Platz gestolpert und durfte anschließend feststellen, dass die Frisur von Paul Pogba oder der Schuh von Lionel Messi noch lange keinen Superstar macht! Häufig sehr zur Unterhaltung der Mit- und Gegenspieler, sind es doch oftmals solche „Superstars“, die die meisten Chancen vergeben. Solche Dinge passieren nicht unbedingt immer zur Freude derjenigen Zuschauer, die sich der sportlichen Leistungen wegen versammelt haben. Und dennoch ist es gerade diese Begeisterung für den Sport, der die Basis vieler Vereine - insbesondere für Talente – bildet.

Was hat Partystimmung mit Sport zu tun?

In den untersten Ligen, dort, wo es noch ganz privat und dörflich zugeht, stellen viele Fußballfreunde neben den Sport allerdings auch das Feiern ins Zentrum des Geschehens. Man kommt als Publikum eben nicht nur auf dem Platz zusammen, um zu schwatzen und ein gutes Spiel zu sehen, sondern auch, um sich das eine oder andere Bierchen zu genehmigen. Manch ein Spieler lässt sich sogar dazu hinreißen, während seines Einsatzes an den Rand zu laufen und sich die Bierflasche an den Kopf zu setzen. Schließlich soll nach Abpfiff der Pegel stimmen, um mit den anderen Jungs fröhlich weiter in die Kneipe zu ziehen und dort die Sau rauszulassen!

Kritische Stimmen mahnen: Dieses Verhalten macht den Amateurfußball kaputt. Einige Sportfreunde haben sich auch schon vom Geschehen abgewandt, weil sie biertrinkende Fußballer nicht mehr tolerieren möchten. Und sicher wird es auch Menschen geben, die genau wegen dieser Exzesse keine Beziehung zu dieser an sich tollen Sportart aufbauen können.




Amateurfußball wirkt wie ein engmaschiges Sieb

Aber auch andersherum wird ein Schuh daraus: Manch einer würde gar nicht erst auf dem Platz aufkreuzen, wenn es nicht zwischendurch ein kühles Blondes gäbe, das den Weg zur Dorfkneipe ebnet. Und aus einem jungen Partyhengst kann durchaus ein effektiver Sportler werden, wenn er sein Talent entdeckt und beginnt, ernsthaft an sich zu arbeiten. Dann geschehen noch kleine Wunder und große Überraschungen!

Die Macken des Amateurfußball können also durchaus auch zu seinen Stärken werden, je nachdem, von welcher Seite wir die Münze betrachten. Ausgesiebt wird irgendwann sowieso, denn der Sprung zum Profifußball gelingt nur mit Ernsthaftigkeit und Disziplin. Wer stattdessen lieber seinen Spaß hat und die Dorfgemeinschaft aufmischt, der ist deshalb noch lange kein schlechterer Mensch, nur eben nicht zum ernsthaften Sportler geboren. Wirklich gefährden können solche Leute den beliebten Breitensport Fußball nicht, vielleicht sorgen sie sogar für noch mehr Popularität.

Die Aussichten: gar nicht so schlecht, wie es scheint!

Die Aussichten erscheinen in diesem Licht alles andere als schlecht. Die Krise entpuppt sich eher als zahnloser Drache, den wir bereits seit jeher kennen und der mit seinem Feuerchen für eine gewisse Nestwärme sorgt. Aus einem Fußballverein der untersten Liga kann so viel Gutes entspringen, darunter nicht nur fähiger Nachwuchs, sondern auch gesellschaftliche Initiativen. Überall wo Menschen regelmäßig miteinander reden und feiern, lassen sich Bande schmieden und es kommen Ideen auf für neue, spannende Aktionen. Dorffeste, gemeinsames Müllsammeln, das Gründen eines Turnvereins oder Wandertage: Jedes einzelne dieser Projekte könnte am Sonntag auf dem Fußballplatz geboren sein. Und wenn aus dem eigenen Dorfverein doch einmal ein internationaler Top-Fußballer erwächst, dann kennt der Stolz keine Grenzen. Jedes kleine Team hat die Chance, aus seinen zarten Pflänzchen große Bäume zu machen, auch heute noch.

Setzen wir also weiterhin auf den Amateurfußball, selbst dann, wenn der Sport immer mal wieder in den Hintergrund gerät. Ganz aus den Fugen geraten werden die Dorfplatz-Events sicher nicht, sodass uns unsere Auffangbecken für den talentierten Nachwuchs garantiert erhalten bleiben.