Die kleine Bettgeschichte
Als der »verrückte« Dale in Reichenbach aufschlug

Wer in den Achtzigern mit einem amerikanischen Sportler in Reichenbach konfrontiert wurde, der sah darin einen Crack des EHC Waldbronn, die damals im Eistreff dem Puck hinterher jagten. Hier stationierte Amis und Kanadier konnten die damals florierende Eishockey-Szene qualitativ aufwerten. Doch der GI ist längst Geschichte und das Waldbronner Eistreff scheint den gleichen Weg zu gehen. Doch den jungen Mann, den wir meinen, spielte »Soccer«, was in den Staaten zum damaligen Zeitpunkt einen Stellenwert hatte, wie Faustball in Deutschland. Runde Bälle gehörten für die Yankees zu Zeiten des kalten Krieges in den Korb und nicht an den Fuß. Und wenn man schon »kickte«, dann gefälligst mit einem ovalen Ei.

Waldbronn-Reichenbach im Jahre 1985 - ein junger Amerikaner kommt im Jugendaustausch mit einem gewissen FC Tacoma ins Reich der »Rauchschwalben« um als frischgebackener College-Boy in Deutschland seinem Hobby nachzugehen. Dale Mulholand wird als neugierig, distanzlos, egozentrisch und selbstbewusst beschrieben. Schon alleine aus diesem Grund sah der 21-jährige Freigeist seine Zukunft im deutschen Profifußball. Als ich einen Reichenbacher der älteren Generation auf den Jungen aus Washington ansprach, meinte jener, »Natürlich kenne ich den verrückten Dale!« Der Bub aus Manitou avancierte in den folgenden drei Jahren zu einer absoluten Stammkraft beim TSV, ehe der in einer Busenbacher Pension untergebrachte Kicker nach Nöttingen »pusierte«. Das ist der erste Teil der Geschichte eines Globetrotters …

In jener Zeit wuchs die Sehnsucht nach Abenteuer, bevor er 1989 in die Staaten zurückkehrte und dort für die Orlando Lions seine Stiefel schnürte. Nicht allzu lange und Mulholand wechselte zu den Sing Tao Tigers (Hongkong). Die verrückte Idee, der erste fußballspielende US-Amerikaner in Russland zu werden, war längst vorangeschritten. Zu jener Zeit tourte der sowjetische Zweitligist, Lokomotive Moskau, durch die Vereinigten Staaten. Unter anderem ließ man sich zu einem Testspiel in Mulholands Heimat, Tacoma, nieder; im europäischen Osten fielen die eisernen Vorhänge. Als die Idee publik wurde, fand man in Alex Golovnia ein sowjetisches Talent, das gerne den konträren Weg über den Teich in Erwägung zog. Der wendige Verteidiger heuerte bei den Orlando Lions an; Mulholand wechselte im Gegenzug zu Lokomotive Moskau. Der Paradiesvogel war am Ziel und ging als erster amerikanische Soccer-Profi in Russland in die Annalen ein. Über Miami Freedom kam der ehemalige Reichenbacher zu Dukla Prag, wo er mit einem jungen Talent, namens Pavel Nedved zusammenspielte. Heute betreibt der »verrückte« Dale Fußballschulen in Asien während Golovnia, den es später zu den San Diego Sockers zog, weiterhin in Amerika lebt.


pfoschdeschuss - 24.02.2020