Aus dem Umland

Ins Visier der Ermittler - die unglaubliche Geschichte eines Pforzheimer Fußball-Traums


Wer im Raum Karlsruhe seit Jahren dem Amateurfußball hinterherläuft, dem muss man Germania-Union/Türkischer SV Pforzheim nicht groß vorstellen. Eine gute halbe Stunde die A8 hinunter, und schon steht man im Brötzinger Tal. Die GU gehörte zu jenen Vereinen, die einem im nordbadischen Fußball immer wieder über den Weg liefen - zuletzt sogar in der Verbandsliga. Man kannte die Namen, die Ergebnisse, die Mannschaft. Inzwischen kennt man den Verein allerdings aus Schlagzeilen, gegen die Baustellen in der Fächerstadt wie eine Kur wirkt. Was sich rund um die Pforzheimer seit Anfang des Jahres entwickelt hat, klingt derart schräg, dass man zunächst zweimal hinschauen muss. Es geht um Gold, Silber und Platin im Wert von rund 50 Millionen Euro, um eingeschmolzene Edelmetalle, Bargeldtransporte ins Ausland und um Fußballer, die auf dem Weg ins Trainingslager plötzlich ins Visier der Ermittler gerieten. Die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart hat inzwischen gegen zwei Männer Anklage wegen gewerbsmäßiger Bandenhehlerei erhoben. Die Vorwürfe betreffen einen Zeitraum von Januar 2020 bis Februar 2026. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Den Stein so richtig ins Rollen brachte ausgerechnet eine Reise, die im Amateurfußball eigentlich zu den schöneren Terminen des Jahres gehört: Trainingslager in der Türkei. Anfang Februar machte sich die Pforzheimer Reisegruppe auf den Weg nach Antalya. Doch am Flughafen Stuttgart war Endstation mit gemütlichem Urlaubsmodus. Bei der Kontrolle stießen die Beamten auf eine bemerkenswerte Reisekasse. Bei 29 Vereinsmitgliedern wurden insgesamt rund 215.000 Euro Bargeld gefunden. Die einzelnen Beträge lagen zwischen 4.000 und 9.900 Euro - also jeweils unter der Schwelle von 10.000 Euro, ab der Bargeld bei der Ausreise angemeldet werden muss. Der Verein wies damals jeden Zusammenhang mit illegalen Aktivitäten zurück und stellte sich ausdrücklich hinter seine Spieler. Inzwischen gehen die Ermittler deutlich weiter. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft sollen zwei mittlerweile angeklagte Männer kurz vor dem Check-in Briefumschläge mit insgesamt rund 217.000 Euro an 27 Vereinsmitglieder übergeben haben. Das Geld sollte demnach in die Türkei gebracht und dort wieder an die Männer übergeben werden. Gegen die betreffenden Vereinsmitglieder läuft deshalb ein gesondertes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Geldwäsche. Auch hier gilt selbstverständlich: Ein Ermittlungsverfahren ist keine Verurteilung. Und damit war das Kapitel noch lange nicht beendet.

Nach Darstellung der Ermittlungsbehörden sollen sich die Hauptbeschuldigten über Jahre Edelmetalle aus Straftaten beschafft haben. Gold, Silber und Platin sollen eingeschmolzen, dadurch deren Herkunft verschleiert und anschließend wieder verkauft worden sein. Der Wert der betreffenden Edelmetalle: Rund 50 Millionen Euro. Dass sich diese Geschichte ausgerechnet in Pforzheim abspielt, jener Stadt, die seit Generationen als deutsche »Goldstadt« bekannt ist, gehört zu den Pointen, die selbst ein Drehbuchautor vermutlich gestrichen hätte, weil sie ihm zu dick aufgetragen erschienen wäre. Im März folgten Durchsuchungen von zehn Gebäuden im Raum Pforzheim. Dabei wurden nach Angaben von Zollfahndung und Generalstaatsanwaltschaft weitere Beweismittel sowie rund 220.000 Euro Bargeld sichergestellt. Zwei Männer kamen in Untersuchungshaft. Während die Justiz ermittelt, zerlegte es den Verein auch finanziell. Sechs Jahre lang sollen nach Angaben des neuen Vorstands keine Steuererklärungen abgegeben worden sein. Die Gemeinnützigkeit wurde aberkannt, das Finanzamt stellte einen Insolvenzantrag. Von fast 200.000 Euro Steuerschulden berichteten die »Badischen Neuesten Nachrichten«; der Verein selbst sprach gegenüber dem SWR von beträchtlichen Verbindlichkeiten. Sportlich brach die Mannschaft auseinander, Spiele in der Verbandsliga konnten wegen Spielermangels nicht mehr bestritten werden. Seit Ende August ist die Sache amtlich: Das Amtsgericht Pforzheim eröffnete wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung das Insolvenzverfahren über die Germania Union 1896 Türkischer SV Pforzheim. Gleichzeitig versuchen die heutigen Verantwortlichen und Ehrenamtlichen, einen Verein am Leben zu halten, dessen Geschichte weit älter ist als die Affäre, die ihn nun bundesweit in die Schlagzeilen gebracht hat. Die Germania-Union reicht historisch bis 1896 zurück; der Türkische SV entstand aus der Geschichte der Gastarbeiter in Pforzheim. Für uns Karlsruher ist das deshalb keine Meldung über irgendeinen Fußballklub irgendwo in Baden-Württemberg.

Der Amateurfußball schreibt bekanntlich die verrücktesten Geschichten. Diese hier allerdings spielt in einer Liga, für die selbst wir bislang keine Tabelle hatten.



pfoschdeschuss • 26.09.26





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