»Der Ball ist rund. Der Rest wird diskutiert«
Es gibt diese Fußballsätze, die einfach nie alt werden. »Der Ball ist rund.« Oder mein persönlicher Favorit: »Den hätte selbst ich gemacht.«
Kaum ist der Schlusspfiff ertönt, weiß plötzlich jeder, warum der Trainer anders hätte wechseln müssen, der Schiedsrichter falsch lag und der VAR wieder mehr Fragen als Antworten geliefert hat. Wahrscheinlich würde mir sogar etwas fehlen, wenn nach dem Spiel niemand mehr diskutieren würde. Wer den Fußball heute mit dem von vor 30 oder 40 Jahren vergleicht, erkennt schnell, wie sehr sich dieser Sport verändert hat. Aus einem Spiel, bei dem zwei Jacken als Tore genügten, ist ein globales Milliardengeschäft geworden. Nachwuchsleistungszentren, Datenanalysen und modernste Technik prägen den Profifußball. Das ist beeindruckend und in vielen Bereichen sinnvoll.
Vielleicht liegt es daran, dass meine schönsten Fußballerinnerungen nicht aus einem Stadion stammen, sondern vom Straßenkick. Dort gab es keine kalibrierten Abseitslinien. Nur einen Ball, zwei Tore und jede Menge Diskussionen.
Trotzdem frage ich mich manchmal, ob wir den Fußball an manchen Stellen nicht zu sehr perfektionieren wollen. Ich bin kein Gegner des VAR. Klare Fehlentscheidungen sollten korrigiert werden. Doch warum bleiben offensichtliche Fehler manchmal bestehen, während an anderer Stelle minutenlang über Zentimeter diskutiert wird? Vielleicht erwarten wir inzwischen etwas, das es im Fußball nie geben wird: absolute Gerechtigkeit.
Noch mehr beschäftigt mich allerdings der Umgang miteinander. Kaum fällt eine Entscheidung gegen die eigene Mannschaft, stürmen Spieler auf den Schiedsrichter zu. In den sozialen Medien folgen oft innerhalb weniger Minuten Beleidigungen und persönliche Angriffe. Genau das schauen sich Kinder ab. Nicht nur den Traumfreistoß oder den Fallrückzieher, sondern auch den Umgang mit Mitspielern, Gegnern und Schiedsrichtern. Deshalb wünsche ich mir, dass Regeln wie die Kapitänsregel konsequent umgesetzt werden. Respekt sollte im Fußball keine Option sein, sondern selbstverständlich.
Mindestens genauso spannend finde ich, wie sehr der Fußball unsere Gesellschaft widerspiegelt. Nationalmannschaften sind heute internationaler denn je. Viele Spieler haben mehrere kulturelle Wurzeln oder spielen seit Jahren im Ausland. Für mich ist das kein Widerspruch. Entscheidend ist, dass sie das Trikot ihres Landes mit Stolz tragen. Fußball wird sich auch künftig nicht vollständig von Politik oder Kommerz lösen können. Die eigentliche Frage lautet deshalb:
Quo vadis, Fußball?
Wie viel Technik brauchen wir wirklich noch? Wie viel Kommerz verträgt dieser Sport? Und wie schaffen wir es, dass der Fußball trotz aller Professionalisierung das bleibt, was ihn groß gemacht hat: ein Sport, der Menschen verbindet?
Vielleicht sehe ich den Fußball tatsächlich etwas romantisch. Fußball war Gemeinschaft. Er war Respekt. Er war Leidenschaft. Vor allem aber war und ist Fußball für mich ein Spiel. Und wenn wir am Ende trotzdem wieder über den Fußball diskutieren? Dann ist das vielleicht gar kein Fehler. Sondern einfach Fußball.
Reinhard Taugner • 08.07.26