Stell dir vor, irgendwo in der deutschen Fußballprovinz steigt ein Derby. Zwei Mannschaften, ein Ball und 90 Minuten voller Leidenschaft. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch was, wenn nach dem Schlusspfiff plötzlich ein Trainer die Flucht ergreift, ein Funktionär zum Verfolger wird und eine harmlose Bierbank ungefragt für eine Nebenrolle in einem Actionfilm vorsprechen muss? Willkommen in der wunderbaren Welt des Amateurfußballs, wo manchmal die dritte Halbzeit mehr Gesprächsstoff liefert als die ersten beiden zusammen. Es gibt schließlich Fußballspiele, die bleiben wegen ihrer Tore in Erinnerung. Andere wegen einer spektakulären Schiedsrichterentscheidung. Und dann könnte es Begegnungen geben, bei denen das Ergebnis irgendwann zur Randnotiz verkommt, weil einige Beteiligte beschließen, dass 90 Minuten Fußball für einen Nachmittag einfach nicht genug Unterhaltung sind. Nehmen wir also an, an einem Spieltag im Herbst würde ein hitziges Duell mit einem knappen Heimsieg enden. Glücklich, umkämpft und eigentlich ein wunderbarer Anlass, anschließend über vergebene Chancen, strittige Entscheidungen und die berühmten Kleinigkeiten zu diskutieren. Doch stattdessen entwickelt sich ein Schauspiel, bei dem zeitweise schwer zu erkennen ist, ob man sich noch auf einem Sportplatz befindet oder bereits beim Casting für eine besonders missglückte Actionkomödie. Die Geschichte könnte schon während der Begegnung ihren Anfang nehmen. Von der Ersatzbank der Hausherren gelangt plötzlich ein zweiter Ball auf das Spielfeld. Schiedsrichter haben für solche Einlagen bekanntlich wenig Verständnis, weshalb unser frei erfundener Trainer Bruno Falkenberg die Rote Karte sieht. Der beteuert später, den Ball überhaupt nicht ins Spiel befördert zu haben. Der Unparteiische wiederum erklärt, er habe den eigentlichen Verursacher nicht erkennen können, die Verantwortung für das Treiben auf der Bank liege jedoch beim Trainer. Eine Erklärung, die Falkenberg nach einem entsprechenden Gespräch akzeptiert. Damit könnte die Angelegenheit erledigt sein. Könnte. Denn auf dem Rückweg zur Ersatzbank kreuzen sich die Wege des Trainers und eines Funktionärs der Gäste, den wir Viktor Donner nennen. Zwischen den beiden Herren entwickelt sich ein Wortgefecht, in dessen Verlauf offenbar auch die guten Umgangsformen vorzeitig zum Duschen geschickt werden. Falkenberg reagiert mit sarkastischen Jubelgesten. Eine Geste, die ungefähr so deeskalierend wirkt, wie wenn man einem bereits wütenden Keiler in die Hoden fetzt und ihn anschließend bittet, die Sache doch sachlich zu betrachten.
Stell dir nun vor, Donner versteht die Darbietung nicht als Einladung zum gemeinsamen Feierabendbier. Was folgt, würde in einem schlechten Drehbuch vermutlich als übertrieben gestrichen. Rund um die Ersatzbank entsteht ein heilloses Durcheinander, bei dem plötzlich mehr Menschen mitmischen wollen, als zuvor auf dem Spielfeld gestanden haben. Der Fußball hat zu diesem Zeitpunkt längst Feierabend, seine Darsteller allerdings noch nicht. Falkenberg sucht hinter der Ersatzbank Schutz, wo die Stimmung ebenfalls nicht gerade nach einem gemütlichen Kaffeekränzchen aussieht. Platzordner und andere Anwesende haben alle Hände voll zu tun, die Gemüter zu beruhigen. Unser Trainer entscheidet sich schließlich für den Rückzug über die Spielfeldbegrenzung in Richtung Kabinen. Eine bemerkenswerte Situation: Während Trainer ihren Spielern gewöhnlich beibringen, Zweikämpfen nicht auszuweichen, erscheint dem Übungsleiter ausgerechnet nach Spielende die Flucht als taktisch sinnvollste Variante. Doch unsere Geschichte hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Nun betritt auch Rocco Bellini die Bühne. Ein Mann, der offenbar eine ganz eigene Vorstellung davon besitzt, wie man in einer aufgeheizten Situation pädagogische Akzente setzt. Als Bellini plötzlich eine Bierbank in den Händen hält, scheint das Mobiliar endgültig die Geduld verloren zu haben. Andere Anwesende sorgen dafür, dass das gute Stück seinen angestammten Wirkungsbereich nicht verlassen muss. Wohlgemerkt: eine Bierbank. Jenes Möbelstück, das normalerweise dazu dient, Menschen beim geselligen Zusammensein einen Sitzplatz zu bieten, soll hier offenbar eine vollkommen neue Verwendung finden. Man stelle sich vor, der örtliche Möbelhändler müsste künftig seine Biergarnituren mit dem Warnhinweis »Nicht für die dritte Halbzeit geeignet« versehen. Gerade von einem erwachsenen Menschen dürfte man eigentlich erwarten, dass er weiß, dass sich Konflikte möglichst ohne Mobiliar lösen lassen. Immerhin bleibt die Bank heil. Falkenberg bekommt während seines Rückzugs außerdem eine unfreiwillige Getränkedusche ab. Ob die Urheber damit eine Abkühlung herbeiführen wollen, ist nicht überliefert. Vielleicht war es auch nur der verzweifelte Versuch, aus einem ohnehin absurden Nachmittag noch eine feuchtfröhliche Veranstaltung zu machen.
Stell dir weiterhin vor, dass inmitten dieses Durcheinanders tatsächlich jemand einen kühlen Kopf bewahrt. Gästespieler Felix Winterfeld beweist, dass man auch ohne pädagogischen Abschluss wissen kann, wann Schluss mit lustig ist. Er wirkt beruhigend auf seine Mitspieler ein und hilft gemeinsam mit Platzordnern und Zuschauern, die erhitzten Gemüter wieder auf Betriebstemperatur herunterzufahren. Während andere offenbar noch nach der nächsten Eskalationsstufe suchen, hat wenigstens einer begriffen, dass ein Fußballspiel auch ohne anschließende Ringkampfveranstaltung beendet werden darf. Schließlich schaut sogar die Polizei vorbei. Da inzwischen wieder halbwegs zivilisierte Verhältnisse herrschen, bleibt den Ordnungshütern eine aktive Rolle in diesem Theater erspart. Wer nun glaubt, damit sei endgültig Schluss, unterschätzt allerdings die Möglichkeiten moderner Kommunikation. Denn in unserer ausgedachten Fußballwelt verlagert sich das Geschehen anschließend ins Internet. Viktor Donner kann seine Enttäuschung offenbar nicht einfach im Wohnzimmer deponieren und schickt Falkenberg noch eine digitale Kostprobe seiner Gefühlslage. Die Botschaft lässt wenig Raum für freundschaftliche Interpretationen. Früher musste man sich nach einem Streit noch einmal persönlich begegnen, um ihn fortzusetzen. Heute genügt ein Mobiltelefon, damit die schlechte Laune auch nach dem Duschen zuverlässig beim Empfänger ankommt. Und während anderswo Menschen ihre Smartphones nutzen, um Urlaubsbilder zu verschicken oder sich über das Wetter auszutauschen, scheint in unserer Fußballprovinz selbst das Internet noch eine Verlängerung beantragen zu müssen.
Stell dir abschließend vor, diese ganze Geschichte landet bei den zuständigen Fußballoberen, die nun herausfinden dürfen, wer welchen Beitrag zur unfreiwilligen Unterhaltung geleistet hat. Dass auch Falkenberg mit seinen provozierenden Jubelgesten nicht gerade für den Friedensnobelpreis kandidiert, dürfte außer Frage stehen. Zwischen einer überflüssigen Provokation und dem Wunsch, eine Auseinandersetzung körperlich auszutragen, besteht allerdings ein erheblicher Unterschied. Ebenso zwischen einem hitzigen Wortgefecht und dem Bedürfnis, eine persönliche Fehde nach Spielende noch digital fortzusetzen. Eines lässt sich jedenfalls feststellen: Ein Spiel darf hitzig sein, Spieler dürfen sich ärgern, Trainer dürfen sich über Entscheidungen aufregen und Zuschauer dürfen ihre Mannschaft leidenschaftlich unterstützen. Fußball lebt schließlich von Emotionen und nicht von der Geräuschkulisse einer Stadtbibliothek. Wenn nach dem Schlusspfiff aber Ordner Menschen zurückhalten müssen, ein Trainer den Rückzug antritt, eine Bierbank plötzlich eine Hauptrolle spielt und anschließend noch digitale Drohgebärden folgen, hat die Rivalität eine Grenze erreicht, hinter der der Sport nur noch Statist ist. Das eigentliche Derby endet in unserer Geschichte übrigens mit einem Heimsieg. Ein Ergebnis, über das man normalerweise noch tagelang diskutieren könnte. Stattdessen geht es darum, wer wem hinterhergelaufen ist, wer die Beherrschung verloren hat und weshalb ein Möbelstück beinahe zum prominentesten Gegenstand des Nachmittags geworden wäre. Manchmal wäre es eben besser, wenn nach dem Abpfiff alle Beteiligten einfach nach Hause gingen. Die Spieler, die Trainer, die Funktionäre - und vor allem die Bierbank. Aber stellen wir uns ruhig noch eine letzte Frage: Was wäre eigentlich passiert, wenn statt einer Bierbank ein kompletter Biertisch zur Verfügung gestanden hätte? Vermutlich hätte der Schiedsrichter vorsichtshalber die Nachspielzeit verlängert. Nicht wegen einer Verletzungsunterbrechung, sondern weil erst noch jemand die Garnitur hätte abbauen müssen ...
*Anmerkung: Diese Geschichte ist ein satirisches Gedankenspiel aus der Welt des Amateurfußballs. Sämtliche Namen und Figuren sind frei erfunden. Einzelne Motive wurden durch eine nicht unabhängig überprüfte Schilderung angeregt, die für diese Erzählung literarisch verarbeitet, überspitzt und verfremdet wurde. Die geschilderten Szenen sind keine Feststellung tatsächlicher Handlungen bestimmter Personen.*