Simone Wein (39) • 1.Vorstand des FV Ettlingenweier

»Und am Ende hat das Herz entschieden: Wir bleiben!«


Simone Wein fing beim SV Baiersbronn an, Fußball zu spielen - damals noch gemeinsam mit den Jungs. Über den SV Musbach, wo sie bei den Mädchen und Frauen spielte, führte ihr Weg schließlich zum Studium nach Karlsruhe. Während dieser Zeit legte die heute 39-Jährige eine Fußballpause ein. Seit Ende 2012 ist sie beim FV Ettlingenweier zu Hause. Dort übernahm sie etwa 2015 erstmals ein Ehrenamt als 2.Vorstand. Seit 2023 steht sie als 1.Vorstand an der Spitze des Vereins.

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Hi Simone. Was hat dich als junges Mädchen zum Fußball getrieben?

Simone Wein
Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort: Andreas Möller. :D Obwohl ich durch meinen Vater einen großen Teil meiner Kindheit in Handballhallen verbracht habe, hatte ich schon immer diese besondere Faszination für Fußball. Mein großes Idol war Andreas Möller - seinetwegen habe ich angefangen aktiv gegen einen Ball zu treten - nur mit deutlich weniger Talent als er :D Ins Fußballtraining durfte ich allerdings erst, als mein Bruder angefangen hat zu kicken. Ab diesem Moment konnte man es mir dann auch nicht mehr verbieten. :)

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Zu Beginn deiner sportlichen Laufbahn musstest du dich als Mädchen bei den Jungs behaupten. Was blieb dir aus dieser Zeit besonders in Erinnerung?

Simone Wein

Es sind vor allem zwei Dinge, die mir aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben sind. Zum einen sagte der Trainer damals, wir sollten einfach schauen, wie lange die Lust auf Fußball anhält und ob sie vielleicht nach ein paar Wochen wieder verfliegt. Seit meinem ersten Training war ich jedoch jedes Mal da. Entweder war man mit 100 Prozent dabei oder gar nicht - diese Einstellung ist mir bis heute geblieben. Zum anderen hat es für alle Verantwortlichen nie eine Rolle gespielt, dass ich das einzige Mädchen in der Mannschaft war. Es gab keine Bevorzugung, abgesehen davon, dass ich eine eigene Umkleidemöglichkeit hatte. Bei jeder Übung musste und durfte ich genauso mitmachen wie die Jungs. Es hat allen und mir gezeigt, dass es im Fußball nicht darum geht, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist, sondern darum, mit wie viel Leidenschaft und Einsatz man dabei ist.


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Irgendwann führte dich dein Weg nach Ettlingenweier. Liebe auf den ersten Blick?

Simone Wein

Liebe auf den ersten Blick war es definitiv nicht. Nach fünf Jahren Fußballpause - beziehungsweise nur gelegentlichem Freizeitkicken - hatte ich gegen Ende meines Studiums wieder Zeit und Lust auf Vereinsfußball. Durch meinen studienbedingten Umzug nach Karlsruhe war der FSV Alemannia Rüppurr zunächst die naheliegendste Option, weil der Verein für mich am besten erreichbar war. Doch ein paar Tage vor meinem ersten Training dort meinte ein Studienkollege, ich solle mir doch einmal den FVE anschauen. Über Simon Revfi bin ich dann tatsächlich beim FVE gelandet. Und mein erstes Training dort war ... sagen wir mal, ereignisreich.

Im Anschluss fand direkt eine Mannschaftsbesprechung mit den Trainern statt, bei der ich alle kennenlernen konnte. Die Besprechung dauerte fast zwei Stunden - inklusive Streitigkeiten, Diskussionen und Tränen. Am Ende schmiss sogar der Co-Trainer hin. Ich saß mittendrin und fragte mich irgendwann nur noch, wie ich eigentlich nach Hause kommen sollte, weil meine Bahn inzwischen auch schon weg war. In den Wochen danach verschärfte sich die Situation weiter. Im Winter war schließlich beschlossen, dass wir als Damenmannschaft im Sommer geschlossen zum TSV Oberweier wechseln würden. Es war nur noch die Frage, wie wir die Rückrunde beim FVE zu Ende bringen. Inzwischen war auch der Trainer weg. Außer Simon Revfi und Lars Kaufmann kannte ich eigentlich niemanden im Verein - und die beiden erklärten sich innerhalb weniger Tage bereit, uns bis zum Saisonende zu trainieren. Die Damenmannschaft hatte damals keinen besonders guten Stand im Verein. Bis zum Sommer habe ich deshalb versucht, mich an verschiedenen Stellen einzubringen und zu helfen, weil ich es nicht anders kannte. Und so kam langsam eines zum anderen. Als der Sommer dann da war, standen wir plötzlich vor der Frage: Wollen wir wirklich gehen? Wir hatten als Mannschaft einen unglaublichen Zusammenhalt entwickelt. Und am Ende hat das Herz entschieden: Wir bleiben.

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Mittlerweile bist du Vorstand des Vereins. Wie bist du zu dieser Rolle gekommen?

Simone Wein

Nach meiner ersten, ziemlich turbulenten Saison haben wir uns als Mannschaft immer stärker im Verein eingebracht. Dadurch wurden wir wieder ein fester und wichtiger Bestandteil des Vereins. In meinem zweiten Jahr standen dann Vorstandswahlen an und es wurde ein zweiter Vorstand gesucht. Aus Mangel an Alternativen wurde ich gefragt - und ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich da einlasse, habe ich zugesagt. Seit diesem Tag ist mein Aufgabenbereich stetig gewachsen. Ich war zunehmend für alles Organisatorische rund um die Mannschaften und die Jugend zuständig. Dabei lernte ich nach und nach jedes Mitglied und jeden Spieler kennen. Man kommt mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch, lernt Leute aus dem Ort und von den umliegenden Vereinen kennen - und plötzlich ist man mittendrin. Für mich war das besonders, weil ich anfangs wirklich niemanden kannte. Aus Vereinskollegen wurden Freunde und Vertraute. Und als vor zwei Jahren die Frage im Raum stand, ob ich das Amt der ersten Vorsitzenden übernehmen würde, war für mich deshalb klar: Das funktioniert nur mit Menschen an meiner Seite, die ich nicht nur kenne, sondern denen ich auch vertraue. Genau das macht für mich den FVE aus. Ich könnte keinen Verein führen, wenn die Menschen in den entscheidenden Positionen um mich herum letztlich »Fremde« wären oder es menschlich nicht passen würde. Wir haben gemeinsam persönliche und private Höhen und Tiefen erlebt - das schweißt zusammen. Auf dem Papier gibt es bei uns natürlich verschiedene Ämter und Zuständigkeiten. Am Ende sind wir aber vor allem ein Freundeskreis, der zusammenhält und Fußball liebt.

Ähnlich ist es bei unseren Spielerinnen und Spielern. Für mich wäre es undenkbar, mich in einem Verein zu engagieren, bei dem Spielerinnen und Spieler gehen, sobald ihnen irgendwo ein Euro mehr geboten wird. Das heißt nicht, dass bei uns immer alles reibungslos läuft. Natürlich kracht es auch bei uns mal und es gibt schwierige Situationen. Aber gerade dann geht es darum, niemanden fallen zu lassen, sondern gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Wir sind sicherlich manchmal ein ziemlich chaotischer Haufen. Aber wir haben großartige Spielerinnen und Spieler - und ich stehe hinter jedem Einzelnen. Genau deshalb bin ich heute so gerne Teil dieses Vereins und übernehme Verantwortung für ihn.

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Was machst du wenn der Verein und der Beruf mal nicht im Mittelpunkt stehen?

Simone Wein

Auch dann wird es mir nicht langweilig. Ich versuche, meine freie Zeit so gut es geht mit Freunden und Familie zu verbringen. Mein Bruder wohnt in der Nähe und seine Frau spielt auch Fußball. Da trifft man sich oft auf dem Sportplatz. Mein Freundeskreis ist ziemlich weit verstreut und mit den unzähligen Kindern in unserem Freundeskreis und meinen drei Patenkindern wird es eigentlich nie langweilig. Deshalb findet man mich aktuell wahrscheinlich am häufigsten auf irgendeinem Spielplatz oder bei privaten Treffen. Ich liebe außerdem Live-Konzerte und schaue eigentlich immer Fußball im TV, wenn es zeitlich möglich ist - gerne natürlich gemeinsam mit Freunden. Am wichtigsten ist für mich aber, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir nahestehen. Ich bin sehr froh und dankbar, wenn es allen gut geht und alle gesund sind. Auch wenn es manchmal stressig ist, ist diese gemeinsame Zeit für mich unbezahlbar.

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Rückblickend … wo lagen bzw liegen die größten Schwierigkeiten als Vorstand eines Vereins?

Simone Wein

Für mich liegt die größte Schwierigkeit beziehungsweise Herausforderung darin, jedem Einzelnen gerecht zu werden und gleichzeitig das große Ganze im Blick zu behalten. Das ist natürlich fast unmöglich. Als erste Vorsitzende ist man in vielen Dingen die erste Anlaufstelle. Ich versuche deshalb, jedem ausreichend Zeit und Gehör zu schenken und bei unterschiedlichen Themen möglichst viele Perspektiven anzuhören und in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Mir ist wichtig, die persönlichen Standpunkte und Bedürfnisse zu verstehen und ernst zu nehmen. Die Herausforderung besteht dann darin, trotz aller unterschiedlichen Meinungen eine Entscheidung für den Gesamtverein zu treffen. Und die muss nicht immer mit dem übereinstimmen, was für den Einzelnen die beste oder wünschenswerteste Lösung wäre. Das kann persönlich natürlich enttäuschend sein. Aber als Vorstand muss man manchmal genau diese Entscheidung treffen, weil sie für den Verein als Ganzes die richtige ist. Das ist sicherlich nicht immer einfach - gerade weil einem die Menschen im Verein und ihre Anliegen nicht egal sind. Aber genau darin sehe ich auch eine der wichtigsten Aufgaben als Vorstand: zuzuhören, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen und am Ende die Verantwortung für das große Ganze zu übernehmen.

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Der Frauenfußball hatte vor wenigen Jahren einen immensen Boom. Hält der weiterhin an oder hat sich die Lage stabilisiert?
Simone Wein

Mein persönliches Gefühl ist leider, dass der große Boom inzwischen wieder etwas abgeflacht ist. Eine Zeit lang gab es einen richtigen Run auf den Frauen- und Mädchenfußball, aber mittlerweile sind die Zahlen aus meiner Sicht wieder etwas rückläufig. Woran das genau liegt, kann ich gar nicht eindeutig sagen. Ich glaube, dass es heute einfach unglaublich viele Möglichkeiten gibt, seine Freizeit zu gestalten und unterschiedlichen Hobbys nachzugehen. Vielleicht hat Fußball bei vielen Mädchen dadurch nicht mehr die gleiche Priorität wie noch vor einigen Jahren. Auch bei uns im Verein merken wir diese Entwicklung. In unseren Jugendmannschaften haben wir zwar vereinzelt Mädchen, aber leider noch lange nicht in der Anzahl, die wir uns wünschen würden. Und auch im Frauenfußball schließen sich immer mehr Mannschaften zu Spielgemeinschaften zusammen, weil es zunehmend schwieriger wird, genügend Spielerinnen für eine eigene Mannschaft zusammenzubekommen. Umso wichtiger finde ich es, den Mädchen- und Frauenfußball weiterhin sichtbar zu machen und ihnen zu zeigen, dass Fußball nicht nur ein Sport für Jungs ist. Denn das Interesse und die Begeisterung sind definitiv da - wir müssen nur wieder mehr Mädchen dafür gewinnen, langfristig dabeizubleiben.

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Was können Fußballerinnen was Fußballer nicht können?

Simone Wein
Hier verweigere ich die Antwort und verweise auf die Frage zwei ;) Es sollte keine Rolle spielen, ob ein Mann oder eine Frau Fußball spielt. Natürlich gibt es aufgrund der unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball. Aber letztlich gibt es auf beiden Seiten Spielerinnen und Spieler, die Vorurteile bestätigen - und genauso viele, die sie widerlegen. Was uns alle verbindet, ist die Begeisterung für den Fußball. Und genau darauf sollte es ankommen - nicht darauf, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist.

pfoschdeschuss

Wem würdest du gerne welche Frage stellen?

Simone Wein

Wen ich gerne etwas fragen würde? Es gibt viele spannende Persönlichkeiten aus dem aktuellen Zeitgeschehen, mit denen ich mich gerne einmal unterhalten würde. Generell glaube ich aber, dass man aus jedem Gespräch etwas mitnehmen kann - ganz unabhängig davon, mit wem man spricht.

Wenn ich mir eine Person aussuchen könnte, wäre es allerdings meine Großmutter. Sie ist leider viele Jahre vor meiner Geburt gestorben, sodass wir uns nie kennenlernen konnten. Ich würde sie gerne fragen, wie viel von ihr sie in mir wiedererkennt.

pfoschdeschuss

Wie siehst du den Vereinsfußball in der Zukunft? Wie siehst du die Zukunft deines FVE?

Simone Wein

Eine genaue Prognose zu stellen, fällt mir schwer. Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen wird es sicherlich auch für den Vereinsfußball in den kommenden Jahren nicht einfacher werden. Gleichzeitig sehe ich gerade im Amateur- und Vereinsfußball eine noch größere Bedeutung als heute. Ein Verein vermittelt weit mehr als nur sportliche Fähigkeiten. Werte wie Gemeinschaft, Zusammenhalt, Verantwortung und auch der Umgang mit Niederlagen werden auf dem Fußballplatz ganz selbstverständlich gelebt. Ich glaube, dass diese Erfahrungen in Zukunft immer wichtiger werden, weil sie in anderen Bereichen des Lebens teilweise nicht mehr in gleichem Maße vermittelt werden. Auch Vorurteile werden meiner Meinung nach nicht durch große Reden abgebaut, sondern durch gemeinsames Erleben. Im Training, in der Mannschaft und im Vereinsleben begegnen sich Menschen ganz selbstverständlich und lernen, miteinander umzugehen. Genau das ist eine große Stärke des Vereinsfußballs.

Für den FVE wird es sicherlich ebenfalls nicht einfacher werden, unsere Vereinsphilosophie und das, wofür wir stehen, an die nächsten Generationen weiterzugeben. Aber ich blicke trotzdem sehr optimistisch in die Zukunft. Solange wir Menschen im Verein haben, die diese Werte leben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, bin ich überzeugt, dass wir unseren Weg noch lange weitergehen können. Und am Ende ist es genau das, was ich mir für den FVE wünsche: dass wir uns trotz aller Veränderungen unsere Gemeinschaft, unseren Zusammenhalt und vor allem die Freude am Fußball bewahren.
pfoschdeschuss

Was würdest du im regionalen Fußball ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Simone Wein

Ich glaube, da geht es mir wie vielen anderen auch: Wenn ich im Amateursport etwas abschaffen könnte, dann wären es sämtliche finanziellen Anreize wie Wechselgelder, Prämien und Ähnliches. Sie machen aus meiner Sicht vieles kaputt - und die Summen, die teilweise aufgerufen werden, haben mit dem ursprünglichen Gedanken des Amateursports nicht mehr viel zu tun. Die Kluft zwischen den Vereinen wird dadurch immer größer. Auf der einen Seite gibt es Vereine, die sich finanziell stark von Sponsoren oder einzelnen Personen abhängig machen. Bricht dort eine wichtige Geldquelle weg, gerät schnell das gesamte Vereinsgefüge ins Wanken. Auf der anderen Seite stehen Vereine, die sich bewusst finanziell gesund aufstellen wollen und dadurch bei manchen Dingen das Nachsehen haben.

Trotzdem würde ich an unserer Vereinsphilosophie nichts ändern wollen. Denn wenn ich in der Kabine sitze - egal, ob bei unseren Frauen oder Männern - und mit einem Bier in der Hand mit den anderen zusammensitze, dann geht es um ganz andere Dinge. Da sitzen Menschen, mit denen ich etwas verbinde: die letzte durchzechte Nacht bis fünf Uhr morgens, das Füreinanderdasein in persönlich schweren Zeiten, das gemeinsame Zittern ob die letzte Studienprüfung bestanden wurde, das stolze Zeigen der ersten Babybilder oder einfach das ehrliche »Wie geht es dir eigentlich?«. Genau diese Geschichten und diese Verbindungen machen für mich Vereinsfußball aus. Und nicht die Frage, wann die nächste Prämie ausgezahlt wird oder wer ein paar hundert Euro mehr bekommt. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir uns im Amateurfußball genau das bewahren: den Fußball als Gemeinschaft, in der Menschen nicht wegen des Geldes zusammenkommen, sondern weil sie füreinander und für den Verein stehen.



pfoschdeschuss • 22.08.26





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