Kilian Hofmann
»Der blaue Fan braucht keine Klatschpappen!«



pfoschdeschuss

Servus Kilian. Am Rande des Spiels, Sechzig gegen Braunschweig, lernten wir uns kurz kennen und wir sprachen über den Fußball in München. Du als Münchner - was hält den Mythos, 1860 München, trotz dieser großen Bayern-Präsenz, auch noch im Jahre 2020 hoch?

Kilian Hofmann

Servus Oli, naja, du sagst es ja schon richtig! Es ist der »MYTHOS« 1860, der Arbeiterverein, die vom Giesinger Berg, DER Traditionsverein in Münchens Osten und vier Jahrzehnte älter als die Roten aus der Seitenstraße. Wir sind - ich glaube so weit darf man gehen - MÜNCHENS Verein. Aus einer Zeit, in der München noch eher ein bayerisches Dorf war, zumindest in der Einstellung der Leute.

In ganz Deutschland hat sich das Bild des »neureichen Münchners« etabliert, der in einer wohlhabenden Stadt aufwächst, mit nicht zu bezahlenden Mieten. Was die Schweiz in Europa ist, ist München in Deutschland: »Wir haben keinen Humor, wir haben Geld!« Dieser gelebte »Snobismus« hat durch die Ansiedlung verschiedenster Unternehmen in München Einzug gehalten und viele Münchner machen da keinen Hehl daraus, dieses Klischee auch tagtäglich zu bedienen. Sie haben Geld, Erfolg, fahren mindestens einen BMW und natürlich - ein erfolgsverwöhnter Mensch kann da wohl nicht anders - muss man dann »Fan« des erfolgreichen und finanzstarken FC Bayern sein.

Die Löwen sind da anders! Tageskarten in der Kurve für unter 20€, verschuldet, fremdbestimmt, trotzdem kämpferisch. Ein Verein für Jeden, der die Klischee-Münchner als »Isarpreissn« abstempelt und nicht zum akzeptierten »Bayerischen Volk« zählt. Menschen, die sich noch an Einstellung, Charakter und Überzeugung messen und nicht an der Ausstattung ihres Neuwagens.

Auch nach 160 Jahren (!) ist der TSV 1860 München eine Oase in der drittgrößten Metropole Deutschlands, wo du niemals an deinem Erfolg, sondern immer nach deiner Liebe zum Verein gemessen wirst und genau so entsteht dieser Mythos. Als 1860 München von der 2.Liga in die Regionalliga abgestiegen ist und wir wieder im Grünwalder spielen durften liefen dem Verein keine Fans weg, im Gegenteil... Die Mitgliedsanträge wurden plötzlich mehr!

Gemeinsam für Sechzig, in guten wie in schlechten Zeiten. Das gilt auf ewig!

 

pfoschdeschuss

Selbst die »Kleinen« sieht man im Stadion an der Grünwalder Straße, die in ihrem geringen Alter von maximalen FCB-Erfolgen überhäuft wurden, während die Sechziger drittklassig spielen. Wie kommen Achtjährige zu den Sechzigern?

Kilian Hofmann

Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder durch Mama, Papa, den Patenonkel oder den Opa, kurz, einen guten, felsenfest überzeugenden familiären Einfluss, oder durch Langeweile. Jetzt stell dir vor, du bist sechs Jahre alt, frisch eingeschult, bekommst grad was vom Leben mit und schaffst dir die ersten eigenen Werte und Überzeugungen auf deine noch jungfräuliche Festplatte. Und dann hast du Zeit deines kurzen Lebens nur den komischen Verein von der Säbener Straße als Deutschen Meister erlebt...

Das ist doch langweilig!!

Dazu kommt: gerade in einer Internetzeit wie heute, bei der die Zusammenfassung nahezu jedes Fußballspiels fünf Minuten nach Abpfiff auf YouTube zu finden ist wird dort auch kommentiert. Dabei stellt sich heraus, dass Sechzig einfach viel cooler, viel authentischer, viel nahbarer ist als der vermeintlich »große« Münchner Verein.

Und der letzte Punkt: Menschen, gerade Kinder überzeugt immer schon ein großartiges Erlebnis. Ein Event, das so schnell nicht vergessen werden kann. Heißt im Fußball: Stadionbesuch. Zwanzig Jahre nach deinem ersten Stadionbesuch hast du keine Ahnung mehr, wer gegen deine Mannschaft gespielt hat, wie hoch du gewonnen oder verloren hast. Aber du kannst dich an die Stimmung erinnern. Das Singen und Klatschen in Gemeinschaft, das ekstatische Aufspringen der Kurve bei einem Tor, die Verzweiflung bei einem Gegentor und die völlige Eskalation, wenn deine Mannschaft in den letzen fünf Minuten nur noch am drücken ist, aber der Ball partout einfach nicht ins Netz will ...

Auf Karten in der »Kloschüssel« wie die Arena der Roten liebevoll unter uns genannt wird wartet man - vorausgesetzt man möchte eine kleine Eigentumswohnung dafür ausgeben - teilweise mehrere Monate. Bei Sechzig gehst du ans Stadion, jemand verkauft dir dort eine Karte. Oder du bist rechtzeitig beim Verkauf an der Grünwalder Straße, wo immer Kartenkontingente zurückgehalten werden.

Und einmal im Grünwalder reicht. Danach, da gibt es keine Zweifel bei den geilsten Fans der Welt, bist du verliebt.

 
pfoschdeschuss

Du selbst bist eingefleischter Löwe und machst kein Hehl aus deiner Liebe. Wie kam die blaue Liebe bei dir zustande?

Kilian Hofmann

Ich durfte damals einen Jugendfreund meiner Mutter ins Stadion begleiten. Ich glaube das Spiel gegen Aalen ging damals sogar verloren (Aalen weiß ich auch nur, weil mir das Zitat eines Löwenfans in der Kurve noch tagelang danach die Mundwinkel nach oben gezogen hat, wie er einen schwarz-gelb gewandeten Aalenspieler nach einem Foul »Scheiß Biene Maja!« nannte).

Als ich meinen Freunden in der Schule davon erzählte stellte sich heraus, dass durchaus einige Mitschüler auch vom TSV überzeugt waren und so bildete sich schnell eine Gruppe, um die frisch gepflanzte Liebe weiter wachsen und gedeihen zu lassen.


pfoschdeschuss

Wie sieht ein Löwe den FC Bayern München?

Kilian Hofmann

Konfrontierst du einen Löwen mit dem unsäglichen Verein, so sieht er meistens - Achtung Wortwitz - ROT! Natürlich gibt es die deutlich liberaleren Fußballzuschauer (um hier absichtlich nicht das Wort »Fan« zu gebrauchen) mit den Aussagen »Ich bin für den Sport«, »Ich freue mich für alle bayerischen Mannschaften« oder »Hauptsache ein Münchner Verein gewinnt«. Aber wer ein bißchen tiefer gräbt und sich mit der Münchner Fußballgeschichte auseinandersetzt wird schnell feststellen: Es kommt der Zeitpunkt, da hast du dich wie in jeder Beziehung endgültig zu entscheiden. Und diese Entscheidung gilt dann, meist ein Löwen-Leben lang. Nicht umsonst gibt es viele schöne Fachbegriffe für den Nachbarverein: »die Bauern«, »die Roten«, »die Seitenstraßler«, etc.

Ganz ungern hört der Fan mit dem blauen Blut, dass ja ein gewisser Uli H. aus dem Nachbarclub schon so oft finanziell geholfen hat und wir eigentlich in der Schuld der Roten stehen ... Das ist zwar durchaus ziemlich nützlich gewesen in den Situationen, allerdings will ein Löwe davon nichts mehr hören. Wir können auch ohne Geld, und »Ja mei, dann steign' ma hoid ab!«, alles besser, als sich irgendwas schenken zu lassen!!! Ein Löwe kämpft selbst für seine Ziele, und wenn es noch Jahrzehnte dauert, bis man sich nach dem finanziellen und sportlichen Supergau wieder berappelt hat.

Immerhin ist der Löwe schon seit Jahrzehnten besser darin, neue Fußballtalente auszubilden und ihnen eine echte Chance im Profifußball zu ermöglichen. Da lacht man durchaus am blauen Stammtisch über diese verrückte Einstellung des FCB wenn es trotz dem neuen, millionenschwer ausgebautem NLZ im Münchner Norden wiedermal in feinster Fredl Fesl Manier heißt: »Mit Geld da kann man vieles kaufen, auch Leute die nem Ball nachlaufen...«

Kleine Anekdote übrigens nach dem Spiel gegen Braunschweig: Als Dennis Dressel (Torschütze zum 2:0), ein echtes Löwen-Eigengewächs, nach dem Spiel zu den Feierlichkeiten auf den Zaun ans Megafon gebeten wurde, musste er erst durch die harte Schule der Kurve: Seine roten Fußballschuhe wurden nicht geduldet und er durfte den Zaun erst besteigen, als er sich ihrer entledigt hatte...


pfoschdeschuss

Objektiv gesehen - was unterscheiden den roten vom blauen Fan?

Kilian Hofmann

Der blaue Fan braucht keine Klatschpappen!


pfoschdeschuss

Die Anwohner sehen den Fußball im altehrwürdigen Stadion nicht allzu gerne, obgleich das Stadion wohl weit länger steht, als viele der Häuser. Wie stehst du zu diesem Thema - immerhin profitiert das ganze Viertel von den Löwen?

Kilian Hofmann

Ich bin der Meinung, dass uns hier die deutsche Mentalität einen massiven Streich spielt. Uns geht es zu gut, uns wird langweilig, plötzlich brauchen wir Probleme und schaffen Sie uns selbst durch völlig wirre Klagen gegen Institutionen, die schon deutlich länger existieren, als der sich beschwerende Bürger.

Du sagst es richtig: Das Stadion war zuerst da. Jeder Anwohner wusste bei seinem Umzug nach Giesing, dass dieser Stadtteil lebt, dass er wie wenig anderes auf der Welt für Fußball und den TSV 1860 München steht. All die kleinen Kneipen, Sechzgeraufkleber, Graffitis an den Wänden, Flaggen an Balkonen und aus Dachfenstern... Das ist Fußball wie er pulsiert und lebt, wie er ein gesamtes Viertel zum Beben bringen kann. 

Die Dachgeschosswohnungen an der Tegenseer Landstraße mit direktem Blick ins Stadion zählen zu den begehrtesten Wohnungen in ganz München!

Meiner Meinung nach müssten wir alle wieder an der »Leben und leben lassen«-Einstellung arbeiten. Natürlich wird in der aktuellen Gesellschaftsentwicklung der Umgangston rauer, die Diskussionen - gerade online - unflätiger und polemischer, Hauptsache pöbeln und sich anfeinden. Wenn jeder sich am Riemen reißt - und gerade die heimischen Sechzgerfans möchten die Harmonie in »ihrem« Viertel wahren, dann kann es auch in Zukunft ein Miteinander geben, ohne ständige Anfeindungen und Schuldzuweisungen.


pfoschdeschuss

Wie wichtig wäre der Aufstieg in die Zweitklassigkeit?

Kilian Hofmann

Auweia, üble Frage ... Aufstieg in die zweite Liga wäre schon was Feines, aber hoffentlich mit mehr Vorbereitung der ansässigen Gastwirte, damit bei der anschließenden Feier bitte diesmal auch genug Bier in Giesing vorhanden ist...

... aber ich glaube es würde dem Verein aktuell nicht gut tun. Wir sind momentan in der Lage uns in ansatzweise ruhiges Fahrwasser, gerade im finanziellen Bereich zu begeben. Zumindest ist es das, was man so mitbekommt aus den Führungsebenen. Ein Aufstieg zum jetzigen Zeitpunkt könnte verheerende Folgen haben und uns vor aktuell unlösbare Probleme stellen: Wo spielen wir? Das Grünwalder ist offiziell nicht zweitligatauglich in derzeitiger Form. Wo kommt das Geld her für Kaderverstärkungen? Wer aufsteigt, sollte die Klasse auch halten können und da sehe ich uns momentan nicht. Aufzusteigen, zu investieren, nur um eine Saison später wieder vor dem Abstieg und einem noch größeren finanziellen Loch zu stehen fände ich traurig.

Aber wir werden sehen was die Zukunft bringt, es kommt wie's kommt und ganz ehrlich: Aufstieg in Giesing? Von mir aus jedes Jahr, einfach nur der Party wegen!!!

 

pfoschdeschuss

Neben Unterhaching scheint eine weitere Münchner Mannschaft den Sechzigern auf die Pelle zu rutschen. Türkgücü München ist Tabellenführer der Regionalliga und macht sich auf, die 3.Liga zu bereichern. Muss sich der Löwe im kommenden Jahr das Stadion mit dem Emporkömmling teilen?

Kilian Hofmann

Auch hier wieder die Antwort: es kommt wie's kommt ... Der Aufstieg aus der 4.Liga ist mit eine der schwersten Aufgaben im Fußballleben in Deutschland. Sollte es tatsächlich so weit kommen: Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen, damit hätte die Stadt München dann den 4.Verein im deutschen Profifußball festgenagelt. Die Stadionfrage ist dabei allerdings noch viel schwieriger zu beantworten!

Das Grünwalder wird ja aktuell gleichzeitig auch von der zweiten Mannschaft des FCB bespielt, ebenfalls in der 3.Liga. Während der Saison wurden mittlerweile die Umbaupläne für das Grünwalder Stadion durch den Stadtrat gewunken, demnach unser Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße für über 30 Millionen Euro auf 18.600 Plätze erweitert werden soll.

In dieser Umbauzeit könnte voraussichtlich dort kein Fußball gespielt werden, schon gar nicht in der 2. oder 3.Liga. Hier dürfen sich von mir aus gerne andere mit mehr Verantwortung den Kopf zerbrechen, was dann die beste Lösung sein wird, wenn drei Mannschaften in einem Stadion Fußball spielen sollen, das nicht betreten werden darf ...

pfoschdeschuss

Dein Wunsch für die Zukunft?

Kilian Hofmann

Weiterhin so ruhiges Wasser. Nach acht Spielen ohne Niederlage wünsche ich mir, dass unser Trainer Michael Köllner unsere Mannschaft weiterhin so erreicht und erfolgreich bleibt. Weiterhin wünsche ich mir, dass unsere Geschäftsführung all die politischen Spielchen im Hintergrund gewinnen kann ohne wie so oft diese innen- und außenpolitischen Unruhen zuzulassen.

Und ich wünsche mir, dass ein gewisser Investor endlich verstanden hat, dass es nicht umsonst Profis im deutschen Fußball - sei es sportlich oder wirtschaftlich - gibt, auf die man sich bei der Leitung eines Fußballvereins verlassen sollte, wenn man ansonsten mit Land und Kultur nichts am Hut hat.

Wir spielen eine gute Saison bisher, es könnte eine sehr gute daraus werden. Der Löwe hat lange genug gelitten, wird Zeit, dass ein neues, goldenes Zeitalter einen weiß blauen Himmel über Giesings Höhen spannt! Potential ist mehr als genug vorhanden und die besondere Eigenschaft eines Löwenfans spielt eh immer mit: »Die Hoffnung stirbt zuletzt!«

In diesem Sinne: EINMAL LÖWE - IMMER LÖWE!!!

Gemeinsam immer weiter für Münchens große Liebe.

Liebe Grüße aus der schönsten Stadt der Welt

pfoschdeschuss - 28.01.2020