Verrückte Vögel #65
Wolfram »Wutti« Wuttke

»Kennt Ihr Wutti?« Von ihm kam der Satz: »Wer nicht auffällt, fällt weg!« Wuttke fiel auf und fiel weg. Zum Beispiel in Sachen Länderspiele für Deutschland. Wer dem DFB nicht genehm war, dem flatterte eben seltener eine Einladung ins Haus, und der Mann aus dem Ruhrgebiet war bekannt für ehrliche Aussagen, was manch einer gern als große Klappe missverstand. Zweiundzwanzig Länderspiele in allen Altersklassen (8) und elf Kicks in der Olympia-Auswahl (6), aber nur vier A-Länderspiele (1). Das Idol meiner Kindheit, ein geiler Typ, den wir heute im deutschen Fußball kaum noch haben. Der Perfektionist des Außenrists, eine Mischung aus »Icke« und Udo Struutz, der mit nur 54 Jahren am 1.März 2015 an Organversagen infolge mehrerer schwerer Krankheiten verstarb.

Am 17.November 1961 wurde Wolfram W in Castrop-Rauxel geboren, eine Gegend, die damals vom Kohleabbau und Straßenfußball lebte. Die Arbeiter der Zechen hielten die Wirtshäuser wach; am Wochenende gab es nur den Fußball. E-Scooter, Elektro-Zigaretten, Männer-Handtaschen und Geschlechts-Umbauten waren so fern wie ein leeres Bierglas zur falschen Zeit. Kernige Typen, verrauchte Lokale, Diskussionen und megamontröse Räusche, die man der Frau heimbrachte. »Gentern« … »Ist das ein doppeltes Herren-Gedeck?« Weniger Bürokratie, weniger Schnickschnack, weniger Regeln, weniger Gewerkschaften, aber höhere Wirtschaftskraft. Im Jahre 1976 wechselte der 15-jährige »Wutti« von der SG Castrop-Rauxel zum FC Schalke 04, wo er 1979 sein Debüt gegen den SV Werder Bremen feierte, an der Seite von Klaus Fischer und Rolf Rüssmann. Technisch überragend … aber …

Trainingsspiel beim FC Schalke; Blockbildung. Drei verschiedene Spieler sollen jeweils in ihrem Viereck Anspielstationen bilden, während sich der Rest mit zwei Kontakten frei bewegen darf. Wuttke wurde als Anspielstation auserwählt und rannte kreuz und quer durch alle Zonen, forderte vehement den Ball. Kopfschütteln und Schmunzeln bei den älteren Mitspielern. Nach einer längeren Erklärung klappte das Ganze … für zwei Minuten, ehe man den lautstarken »Wutti« wieder einfangen musste. Aber erkläre einer Ameise mal, dass sie chillen soll. Ein Freigeist, von dem die Schalker profitierten. Drei Treffer nach 32 Spielen, ehe Schalke abstieg und Mönchengladbach die 172 Zentimeter Edeltechnik an den Mittelrhein lotste (1980). Mit Jupp Heynckes und Wolfram Wuttke trafen hier zwei Weltanschauungen aufeinander. Wuttke hielt den Zweiflern entgegen: »Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler«. Neuer Verein, gleiches Spiel. Trainingsanweisungen wurden dezent übersehen; Heynckes forderte kontrolliertes Aufbauspiel, während der Westfale den riskanten Ball in die Spitze spielte, um anschließend im Sprint selbst den Posten des Mittelstürmers zu besetzen. Der Jupp kochte und wurde in einem Interview vom Wolfram zu »Osram« getauft, weil er stets einen hochroten Kopf hatte. Spätestens jetzt war klar, dass Wolf- und Osram keine Freunde werden würden. Im Jahre 1982 wechselte er zurück zum FC Schalke, nach 58 Spielen für die »Fohlen«. Sieben Treffer in sechzehn Spielen, ehe der damals übermächtige HSV anklopfte (1983). Eigenwillige Zaubermaus trifft auf den Grantler aus Wien, dem bekanntlich keiner auf der österreichischen Nase herumtanzt, auch kein Wuttke. Nach wenigen Wochen saß der »Westfalen-Wutti« auf der harten hanseatischen Ersatzbank, weil Happel die Ignoranz des Egozentrikers nicht duldete. Der Ernst machte seinem Namen alle Ehre; keine Diskussionen, keine großen Reden. »Mit dem kannst de nicht arbeiten!«

Immer wenn er den Publikumsliebling am Ende eines Spiels ins Geschehen beorderte, bekam der Irrwisch eine Aktion und seinen Beifall. Kein Grund für Happel, seine Meinung zu ändern. »Ich durfte nicht so spielen, wie ich wollte. Ich kam mit Ernst Happel nicht klar!« … und verschwand nach 58 Spielen (15) in die Pfalz, wo er seine beste Zeit als roter Teufel genoss (1985). Fünf lange Jahre war Wuttke Dreh- und Angelpunkt des »Lautre«-Spiels. Nicht immer gesetzt, aber immer wichtig. Oft wirkte Wuttke zwei Spielszenen voraus. Er spielte Bälle, die seine Stürmer nicht erahnten, die aber im Nachhinein eminent schlau erschienen. Diskussionen auf dem Platz, Diskussionen in der Kabine; anerkannt aufgrund seines Könnens, aber umstritten, weil der Kreativling keinen einfachen Charakter hatte und exakt wusste, was er kann. In einem besseren Team … aber die wollten ihn eben nicht. Nach fünf Jahren Kaiserslautern (112/32) zog es den torgefährlichen Mittelfeldspieler in die spanische Sonne. Barcelona, jedoch nicht der große FC, sondern der kleinere FC Espanyol (1990). Doch Sprache, Intensität und die andere Spielkultur lagen dem Egozentriker quer im Magen. Vertrauen wollte sich nicht einstellen; er blieb eher Ergänzung als Erleuchtung. In 51 Spielen gelangen ihm immerhin 15 Treffer, ehe er beim 1.FC Saarbrücken seine Karriere 1993 beendete (23/0). Danach wurde es still um den Zauberer. TuS Haltern (1995) und TSV Crailsheim (2008) boten dem »Wutti« nochmals kurzfristig Trainerstellen … Ansonsten war der Wuttke im Marketing beheimatet … oder doch Poet? »Positionierung ist der Kampf um einen Platz im Kopf des Kunden. Marken entstehen nicht durch Design, sondern durch Bedeutung.«





pfoschdeschuss • 06.04.26