Auf meiner Fahrt nach Kroatien kamen zwangsläufig rund 1.100 Kilometer zusammen und bei der Suche nach etwas Fußballglück fiel mir plötzlich ein Name ein: Maribor. Relativ schnell war klar: Halt in Sloweniens zweitgrößter Stadt, um dort einen Kick der slowenischen Prva slovenska nogometna liga anzuschauen.
Hier in Marburg an der Drau leben knapp 100.000 Menschen. Champions League, Europa League … Begriffe, mit denen der slowenische Fußballfan immer weniger anfangen kann, seit Infantinos, Platinis, Blatters und andere Knaben den Fußball als Gelddruckmaschine für sich entdeckten. Kleinere Kultvereine aus finanzärmeren Regionen haben da kaum noch eine Chance. Heutzutage muss Real achtmal gegen Liverpool und Juventus sechsmal gegen Barcelona spielen. »Laaaaaaaaaangweilig.«
Ich steuerte den Campingplatz Kekec an. Klein, idyllisch und wunderschön angelegt. Ob ich hier jetzt Urlaub machen möchte? Eher nicht. Es sei denn, dein Verlangen nach Bären, Kommunisten-Alleen, Panzerstraßen und Wäldern kennt keinerlei Grenzen.
Seit 1919 heißt Marburg mittlerweile Maribor und der Club dazu NK Maribor, aktuell Tabellenführer der ersten Liga.
Eine durchaus dubiose Geschichte steckt hinter diesem Verein – wie so oft bei ehemaligen sozialistischen Sportvereinen. Ivo Vauda gründete hier in Marburg im Jahre 1919 den ersten slowenischen Sportklub Maribor (Prvi slovenski športni klub Maribor), in den Farben Schwarz und Weiß. In den Jahren 1930, 1932 und 1938 wurde der Verein Meister, löste sich 1941 allerdings auf und wurde 1949 als NK Branik Maribor (Nogometni klub Branik Maribor) neu gegründet. Die Vereinsfarben blieben, die großen Erfolge zunächst überschaubar. Zweimal durften die Branik-Fans schließlich die Meisterschaft feiern: 1959 und 1960. Als slowenischer Meister durften die Mariborčani um den Aufstieg in die zweite jugoslawische Liga spielen. Der Gegner hieß NK Karlovac und kam aus dem kroatischen Teil der damaligen Republik Jugoslawien.

Man spricht von der »Afera Driska«, die sich vor dem Rückspiel zugetragen haben soll. Karlovac reiste mit einem 2:0-Sieg aus dem Hinspiel an die Drau und wurde im Hotel Orel untergebracht. Am Tag des Rückspiels litten plötzlich zahlreiche gegnerische Spieler unter heftigen Magen-Darm-Beschwerden. Der Verdacht lag nahe, dass Offizielle von Branik dabei ihre Finger im Spiel gehabt haben könnten. Das Spiel fand nie statt. Die vermeintlichen Drahtzieher wurden verhaftet, aufgrund mangelnder Beweise allerdings wieder freigesprochen. Der Verband kannte weniger Zurückhaltung und befahl dennoch die Auflösung des Vereins, was viele heute noch als einen Fehler sehen.

Nur wenige Monate später entstand der NK Maribor, ergänzt um den historischen »Nachnamen« Branik. Den neuen Club betrachtete man allerdings ausdrücklich nicht als Rechtsnachfolger, sondern als völlig neuen Verein. Einer seiner neuen Stars war bekennender Fiorentina-Fan, was die Clubführung dazu veranlasste, Violett ins Vereinswappen einfließen zu lassen. Fortan waren die Vereinsfarben Violett und Weiß. Was allerdings alle drei Clubs miteinander verband: Sie spielten im Stadion Ljudski vrt - dem Volksgarten. Das 1952 eröffnete Stadion fasst gerade einmal rund 11.700 Zuschauer und ist bis heute nur selten ausverkauft.

Nach einer Radtour von etwa sechs Kilometern standen wir schließlich vor dem Marburger Volksgarten in seiner ganzen Pracht. Dass hier überhaupt noch irgendwo ein Stadion auftauchen sollte, empfand ich zunächst als Unding. Doch plötzlich hörte ich Musik und sah die hoch emporragenden Flutlichtmasten. »Fußballherz, was willst du mehr?« Das konnte ich nach mehreren Minuten Inspektion ziemlich genau beantworten: »reinkommen und das Spiel sehen«.

Zu Gast war NŠ Mura, dem es später gelang, einen Punkt mitzunehmen - 1:1, Tshipamba und Kasalo trafen. Das junge Mädchen im Fanshop erklärte mir, ich müsse zweimal rechts gehen, um an Karten zu kommen. Dort traf ich auf zwei Kerle der Gattung mimikfreie Tür-Büffel, die vor einem Bauzaun ihr Gelage pflegten. Einer gab mir in sehr gutem Deutsch zu verstehen: »Geschlossen.« - »Wie geschlossen?« Hörte ich nicht Musik? Stand da nicht ein großer Mannschaftsbus vor dem Stadion? »Ausverkauft? Wohl kaum.« »Sperre«, meinte Karel der Kanister.
Jetzt huschte ihm sogar ein Lächeln über die Lippen und plötzlich kam der vermeintliche Boxer ausgesprochen sympathisch rüber. Verdammt ärgerlich. Immerhin gäbe es auf der anderen Seite ein Public Viewing; wo ich das Spiel anschauen könne.
Zur Sache: Die Maribor-Fans hatten es in der vergangenen Saison beim Thema Pyrotechnik gegen den Erzfeind aus Ljubljana etwas übertrieben. Ein Feuerwerkskörper landete im Fünfmeterraum des gegnerischen Torhüters, der anschließend verletzt abgetragen werden musste. Der Verband reagierte mit einer drastischen Sperre von fünf Heimspielen ohne Zuschauer. Ausgerechnet der Kick gegen Mura war das letzte dieser Serie. »Pech gehabt«, würde ich sagen.
Also besuchten wir stattdessen die Innenstadt. Achthundert Kilometer gefahren, den Umweg zum Stadion genommen, sechs Kilometer mit dem Fahrrad gestrampelt, Flutlichtmasten entdeckt, Stadionmusik gehört, den Tür-Büffel kennengelernt - und am Ende genau das nicht gesehen, weswegen wir gekommen waren:
Fußball - Verschlossenes Tor in Maribor.