Kommentar: Saisonbilanz 2025/26 - Karlsruher Amateurfußball in der Krise

Der Amateurfußball im Kreis Karlsruhe steht an einem Wendepunkt. Während sich die Verantwortlichen gerne auf Tradition, Leidenschaft und regionale Identität berufen, sprechen die Entwicklungen der vergangenen Jahre eine andere Sprache: Das sportliche Niveau sinkt, die Zuschauerzahlen gehen zurück und die Zahl der Vereine in den höheren Spielklassen nimmt kontinuierlich ab. Am Ende der vergangenen Runde musste der TSV 05 Reichenbach erneut nach nur einem Jahr die Verbandsliga verlassen und aus der Landesliga Mittelbaden stiegen mit dem ATSV Mutschelbach und dem FV Fortuna Kirchfeld gleich zwei Clubs aus dem Fußballkreis ab, während sich der VfB 05 Knielingen noch über die Relegation rettete.

Waren in der Saison 2019/20 immerhin noch fünf Vereine aus dem Kreis Karlsruhe in Nordbadens höchster Spielklasse, der Verbandsliga, vertreten, sind es aktuell nur noch zwei, der SV Spielberg und Aufsteiger SpVgg Durlach-Aue. Eine Region, die lange als eine der stärksten Fußballlandschaften Nordbadens galt, verliert offenbar zunehmend den Anschluss. Symbolisch stehen dafür die Abstürze mehrerer traditionsreicher Vereine. Der ehemalige Verbands- und Landesligist FC Neureut 08 wird künftig in der B-Klasse antreten, ebenso wie Ex-Landesligist SV KA-Beiertheim. Noch drastischer verlief die Entwicklung beim einstigen Oberligisten und langjährigen Verbandsligisten FC Germania Friedrichstal, der nach drei Abstiegen in Folge inzwischen in der Kreisklasse A angekommen ist, vor Jahren unvorstellbar.

Gleichzeitig leidet der Amateurfußball unter einem schleichenden Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit. Viele Vereine verzeichnen rückläufige Zuschauerzahlen. Wo früher oft Hunderte Besucher Spitzenspiele in der Landes- oder Verbandsliga verfolgten, stehen heute meist nur noch wenige Dutzend Zuschauer am Spielfeldrand. Die Bindung an die Vereine nimmt ab, während Freizeitangebote und der Profifußball stärker um die Aufmerksamkeit der Menschen konkurrieren. Zumal man die Resultate des eigenen Clubs ja zeitnah erhält, ohne vor Ort sein zu müssen. 50 Zahlende am Platz, aber 2000 Klicks auf der Facebookseite eines Vereins - heutzutage eher die Norm als die Ausnahme.

Hinzu kommt die dominante Stellung des Karlsruher SC. Mit seiner Profitruppe und der zweiten Mannschaft in der Oberliga bündelt der Verein einen Großteil der fußballerischen Aufmerksamkeit in der Region. Viele Zuschauer investieren ihre Zeit lieber in den KSC als in die regionalen Amateurvereine. Leere Ränge bei den Amateuren sind auch eine Folge davon. Ob es der Attraktivität des regionalen Fußballs dienlich ist, dass die aufstrebende »Dritte« von »Dreibuchstab« mittlerweile schon in der Kreisliga angelangt ist, kann sich jeder Fan selbst beantworten. Während in anderen Kommunen wie Mannheim (VfR Mannheim), Stuttgart (Kickers Stuttgart) oder Essen (Spielvereinigung Schonnebeck und ETB Schwarz-Weiß Essen) noch eine gewisse Präsenz in höhereren Amateurligen gegeben ist, fragt man sich in der Fächerstadt seit langem: »Alles KSC oder was?«

Dass finanzielle Kraft alleine kein Erfolgsmodell ist, zeigt das Beispiel des ATSV Mutschelbach. Über einige Jahre galt der Verein als Paradebeispiel für den sogenannten Sponsorenfußball im Dorf. Mit erheblichem finanziellen Aufwand gelang der Aufstieg von der A-Klasse bis in die Oberliga. Doch eine nachhaltige Strahlkraft entwickelte sich nie. Trotz sportlicher Erfolge blieb die Zuschauerresonanz stets überschaubar. Als dann der Hauptsponsor absprang, begann der sportliche Niedergang. Künftig spielt der Verein in der Kreisliga. Das verdeutlicht die Grenzen eines Modells, das stark von einzelnen Geldgebern abhängt und weniger von gewachsenen Vereinsstrukturen lebt.

Genau hier liegt das Kernproblem des Karlsruher Amateurfußballs. Viele Clubs stehen zwischen zwei Welten: Für echten Leistungsfußball fehlen häufig die finanziellen Möglichkeiten, für klassischen Amateurfußball mit starker lokaler Verwurzelung schwindet die gesellschaftliche Basis. Natürlich gibt es weiterhin engagierte Ehrenamtliche, bei einigen Vereinen auch gute Nachwuchsarbeit und einige wenige attraktive Standorte. Doch die Gesamtentwicklung ist schwer wegzudiskutieren. Wenn sich innerhalb weniger Jahre die Zahl der Verbandsligisten aus dem Kreis Karlsruhe mehr als halbiert, Traditionsvereine abstürzen und ambitionierte Projekte an ihre Grenzen stoßen, handelt es sich nicht mehr um Einzelfälle. Dass so mancher Landesligist kaum noch eigene Jugendmannschaften hat, Sponsoren dort aber »die Erste« finanzieren und teilweise gut dotierte Siebtligakicker bei Laune halten, die regelmäßig vor weniger als 100 Leuten gegen den Ball treten, kann schon fast als absurd bezeichnet werden.

Der Karlsruher Amateurfußball lebt vielerorts noch von seiner Geschichte. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob er auch eine gute Zukunft hat. Derzeit gibt es dafür mehr Warnsignale als Hoffnungsschimmer.


ws • 28.06.26