Verrückte Vögel #67
Ahmed Hossam Hussein Abdelhamid »Mido«

Der Mann hat mehr Namen als Titel auf der Ahnentafel. Im Jahre 1983 (23. Februar) in der ägyptischen Hauptstadt Kairo geboren als Ahmed Hossam Hussein Abdelhamid. Und da das Vorlesen seines Namens in der Startaufstellung mit dem Anpfiff des Schiedsrichters kollidierte, sah sich Ahmed Hossam genötigt, sich einen Spitznamen zuzulegen. Fortan hieß der »Nachfolger« Ronaldos »Mido« und brachte es in seiner Zeit als Profi auf 50 Länderspiele (19 Treffer). Mit 17 Jahren debütierte er beim Kultklub Zamalek SC, bevor ihn der belgische KAA Gent nach Europa zitierte. Für die Elf aus Flandern kam »Mido« 22-mal zum Einsatz und erzielte elf Treffer. Das blieb größeren Vereinen nicht verborgen, und die europäische Talentschmiede aus Amsterdam angelte sich den Offensiven aus dem Abendland. Er gewann den »Ebony Shoe« (Afrikas Fußballer des Jahres), nachdem er mit Ajax Meister und Pokalsieger wurde (2002). Neunzehn Jahre und ganz oben … nur die wenigsten kommen mit einer solchen Konstellation zurecht. Bei Ajax traf Ahmed H. auf einen gewissen Zlatan Ibrahimović und damit auf einen direkten Konkurrenten in der Offensive der Niederländer. Die ersten Zweifel entstanden. Ronald Koeman wollte den Egozentriker zügeln; Ibrahimović geriet mit ihm aneinander, weil er allzu oft den besser postierten Zlatan schlichtweg übersah. Er beschimpfte seine Mannschaftskameraden nach einem Streit mit seinem Pendant im Sturm als »Scheiß-Babys« und warf eine Schere nach Ibrahimović. »Ich habe kein Problem - das Problem liegt woanders«, eine Aussage, die den Trainer mächtig auf die Palme brachte. Ajax sah die einzige Alternative darin, den Ägypter nach nur 40 Spielen (21 Tore) an RC Celta de Vigo zu verleihen. In Vigo schmeckt der Wein besonders gut; die Tage sind kurz, die Nächte lang und das Training anstrengend. Man sah den jungen Ägypter mehr an Flughäfen, in Bars und Weinstuben als auf dem Grün. Nur acht Einsätze ergab der spanische Aufenthalt, ehe die Côte d’Azur rief. Hier ist das Leben schön, wenn das notwendige Budget vorhanden ist. Seine sportliche Bilanz konnte sich sehen lassen. Er war Stammspieler, konnte allerdings dem Ruf eines Torjägers nicht nachkommen. Sieben Buden in 22 Spielen in der Ligue 1 … Olympique de Marseille sah keine Verpflichtung in einer Verpflichtung, und in Amsterdam war der 190-Zentimeter-Schlaks eine »persona non grata«.

Der AS Roma lockte den Stürmer 2004 nach Italien. Doch hier regierte ein Fabio Capello mit harter Hand und noch härteren Bandagen, und wo kein Wille ist, da gibt es beim Italiener auch keinen Weg. »Midos« Stammplatz war die harte römische Ersatzbank, weil Capello nicht immer zufrieden war mit dem Profitum des Nordafrikaners. »Ich bin hier, um zu spielen, nicht um auf der Bank zu sitzen«, ließ »Mido« über die Presse ausrichten. Acht Spiele und kein Tor, bevor auch in Bella Italia seine Zeit ablief. London lautete die neue Bleibe; die White Hart Lane wurde sein Wohnzimmer, und man sah einen neuen »Mido«, der mit 22 Jahren den Schlüssel fand … meinte man. »Ich esse lieber als zu trainieren«, und das sah man ihm an. Trotz wichtiger Tore, spektakulärer Technik und Dribblings fiel der Publikumsliebling aufgrund seiner leichten körperlichen Kurven in Misskredit beim Übungsleiter. Die verordneten ihm Diäten, die der optische Wonneproppen mit Gängen in Burgerbuden erwiderte. Ein Höhepunkt in seiner Karriere war sicherlich der Afrika-Cup 2006, die Ägypten mit beziehungsweise ohne »Mido« erspielte. Halbfinalspiel gegen Senegal. Ägyptens Trainer Hassan Shehata wollte beim Stand von 1:1 in der 80.Spielminute einen Wechsel vornehmen und zitierte die Nummer 19 zu sich, um ihn gegen die Nummer 15 auszutauschen. Doch die Fünfzehn war der Superstar aus England, der es überhaupt nicht einsah, das Feld zu räumen, was er seinem Trainer auch lautstark klarmachte. Es kam zu einem Wortgefecht und zu Beleidigungen an der Außenlinie, ehe der Wechsel vollzogen wurde. Betreuer mussten »Mido« vom Platz zerren, damit der Referee den Kick fortsetzen konnte. Szenen, die wir eventuell in Duisburg-Marxloh vermuten … nicht aber in einem Halbfinalspiel einer kontinentalen Meisterschaft. Fluchend verzog sich »Mido« auf die Ersatzbank, was zu einer Eskalation ausartete, als die Nummer 19, Amr Zaki, mit seinem ersten Ballkontakt den 2:1-Siegtreffer erzielte. Ägypten zog ins Finale ein - die Presse forderte den Ausschluss des Unruhestifters. »Ich wollte weiterspielen …«, entgegnete der Sünder. Doch Trainer Shehata reichte seinem Stürmer die Hand und brachte ihn im Endspiel von Anfang an. Der England-Legionär blieb blass; das Spiel endete 0:0 nach Verlängerung, und der ägyptische Held hieß Essam El-Hadary, der wichtige Penaltys parierte und einen 4:2-Sieg der Ägypter festhielt.

Ein Jahr später verließ »Mido« Tottenham Hotspur (48/14) und kam beim Middlesbrough FC unter. »Boro« ließ sich den Deal 8,8 Millionen Euro kosten und bekam einen Spieler, der unfit und stämmig wirkte. Der Druck auf Verein und Spieler wuchs - die Stimmen von einem Fehleinkauf wurden lauter. Immer wieder ließ der Afrikaner seine Stärken aufblitzen und kam auf sechs Treffer in 25 Spielen. Wigan Athletic (12/2), Zamalek SC (15/1) und West Ham United (9/0) liehen das ägyptische Pummelchen nacheinander aus. Zu einer sportlichen Explosion kam es nicht. Ajax Amsterdam holte den einst Verstoßenen 2011 ablösefrei zurück und wurde mit einem Kurzzeit-»Mido« Meister (5/2). Im Jahre 2011 wechselte er zurück in die Heimat zu Zamalek SC, um dort dreimal aufzutauchen (3/2), bevor er 2012 bei Burnley FC nach nur einem Spiel seine Karriere beendete. »Ich hätte einer der besten Stürmer der Welt werden können«, ließ er nach seinem Karriereende verlauten. Nur das »Wenn …« schluckte er. Wieder mal ein Fußballer, der viel zu früh, viel zu hoch, tief fiel und abtauchte.





pfoschdeschuss • 09.05.26