Karlsruher Amateurfußball: Die eigentliche Krise beginnt nicht auf dem Spielfeld
Die nüchterne Analyse des Fußball-Experten Wolfgang Schmitt der Entwicklung im hiesigen Amateurfußball hat Ralf Bochat »aus der Seele gesprochen«. Nicht nur das: Er reizte den Waldbronner auch zu folgendem Gastbeitrag:
Karlsruher Amateurfußball: Die eigentliche Krise beginnt nicht auf dem Spielfeld
Die Diskussion über den Amateurfußball im Raum Karlsruhe wird häufig anhand von Tabellen, Abstiegen oder Zuschauerzahlen geführt. Traditionsvereine verlieren an Bedeutung und immer mehr Vereine kämpfen um ihre sportliche Zukunft. Diese Entwicklung ist in der Tat unübersehbar. Doch sie beschreibt lediglich die Symptome. Die eigentliche Krise beginnt viel früher. Sie beginnt dort, wo Kinder Fußball lernen.
Der wichtigste Trainer eines Vereins
Der wichtigste Trainer eines Vereins ist selten der Trainer der ersten Mannschaft. Es ist der Trainer einer E-, D- oder C-Jugend. Dort entscheidet sich, ob ein Verein in fünf oder zehn Jahren eigene Spieler hervorbringt oder Jahr für Jahr externe Zugänge verpflichten muss. Wer glaubt, eine starke erste Mannschaft kaufen zu können, unterschätzt die Bedeutung einer nachhaltigen Ausbildung. Jeder Euro, der in qualifizierte Jugendtrainer investiert wird, zahlt sich langfristig mehrfach aus. Solange die Arbeit in der E- und D-Jugend in den Köpfen der Verantwortlichen abwertend als »nur Jugendfußball« betrachtet wird, wird sich an der Situation vieler Amateurvereine wenig ändern. Denn genau dort entscheidet sich, wie eine erste Mannschaft zehn Jahre später aussieht.
Gute Ausbildung braucht eine Idee
Viele Vereine verfügen über engagierte Trainer. Was häufig fehlt, ist eine gemeinsame Spielphilosophie, ein gemeinsames Konzept. Jede Altersklasse arbeitet nach eigenen Vorstellungen. Mit jedem Trainerwechsel beginnt die Ausbildung praktisch wieder bei Null. Dabei müsste sich ein Spieler vom ersten Jugendjahr an in einem wiedererkennbaren System entwickeln. Nicht starre Spielzüge sollten vermittelt werden, sondern Spielprinzipien. Freilaufverhalten. Raumaufteilung. Entscheidungsverhalten. Ballbesitz. Pressing. Kommunikation. Diese Grundlagen verändern sich nicht mit jeder Altersklasse.
Ausbildung statt Ergebnis
Im Jugendfußball wird häufig noch immer auf kurzfristige Ergebnisse geachtet. Turniersiege und Ligazugehörigkeiten bestimmen oft die Bewertung eines Trainers oder den Status einer Jugendabteilung. Erfolge und hochklassig spielende Teams im Jugendfußball wirken anziehend für Spieler bzw. deren Eltern. Dabei sollte aber vielmehr gefragt werden:
• Haben sich die Spieler technisch verbessert?
• Verstehen sie das Spiel?
• Können sie verschiedene Spielsituationen eigenständig lösen?
Eine Mannschaft kann Meister werden und aufsteigen und dennoch werden ihre Spieler schlecht ausgebildet. Eine andere Mannschaft kann im Mittelfeld landen und deren Spieler haben eine hervorragende Entwicklung genommen.
Sponsoring ist nicht das Problem
Der Begriff »Sponsorenfußball« wird gerne im negativen Kontext verwendet. Dabei ist Sponsoring grundsätzlich nichts Schlechtes – im Gegenteil. Entscheidend ist nicht, ob Geld in einen Verein fließt, sondern wofür es eingesetzt wird. Fließen finanzielle Mittel in die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen, in qualifizierte Trainer, moderne Trainingsbedingungen oder die Weiterentwicklung einer Jugendabteilung, ist Sponsoring ein nachhaltiges Investment in die Zukunft eines Vereins. Werden finanzielle Mittel dagegen eingesetzt, um kurzfristig die erste Mannschaft zu verstärken, bleibt der sportliche Erfolg häufig ebenso kurzfristig. Langfristig erfolgreiche Vereine bauen ihre erste Mannschaft aus der eigenen Ausbildung auf – nicht mit Spielern von außen.
Der Preis guter Ausbildung
Je besser ein Amateurverein arbeitet, desto größer wird das Interesse anderer Vereine an seinen Spielern. Gerade attraktive Vereine wie der Karlsruher SC ziehen nicht nur mit seinem Nachwuchsleistungszentrum, seiner 2.Mannschaft, sondern auch mit seiner 3.Mannschaft leistungsstarke Spieler aus dem Umfeld an. Für die Spieler ist dieser Schritt nachvollziehbar und oft eine sportliche Chance. Für die Amateurvereine bedeutet dies jedoch einen erheblichen Aderlass. Verlassen mehrere Leistungsträger gleichzeitig einen Verein, gehen nicht nur Qualität, sondern auch Eingespieltheit, Erfahrung und Identität verloren. Diese Lücken lassen sich im Amateurfußball kaum kurzfristig schließen. Damit entsteht ein Dilemma: Vereine investieren jahrelang in die Entwicklung ihrer Spieler und verlieren sie häufig genau dann, wenn sie beginnen, den sportlichen Ertrag dieser Arbeit zu sehen.
Trainer brauchen Rückhalt und Kontinuität
Erfolgreiche Vereinsarbeit braucht Vertrauen. Trainer können eine Spielidee im Team nur entwickeln, wenn sie Zeit und Rückhalt erhalten. Spielprinzipien müssen über Wochen und Monate immer wieder trainiert werden, um ein gemeinsames Spielverständnis in einer Mannschaft zu erzeugen. Fehlt diese Kontinuität, gehen Abläufe verloren. Mannschaften wirken plötzlich orientierungslos, obwohl dieselben Spieler auf dem Platz stehen. Nicht weil sie schlechter geworden sind. Sondern weil das gemeinsame Verständnis verloren gegangen ist.
In vielen Amateurvereinen stehen jedoch schon nach wenigen Spielen die Ergebnisse im Mittelpunkt. Bleiben sie aus, wird schnell Kritik laut – manchmal sogar aus den eigenen Reihen. Negative Kommentare von Vereinsangehörigen oder Funktionären treffen nicht nur die Trainer. Sie erreichen auch die Spieler auf dem Platz. Gerade junge Fußballer brauchen jedoch den Mut, Fehler machen zu dürfen. Wer Angst vor Kritik hat, spielt nicht mehr mutig, sondern nur noch fehlervermeidend. Der Vereinsbindung der Akteure auf dem Platz ist das nicht gerade förderlich. Die Kultur eines Vereins zeigt sich deshalb nicht nur nach Siegen. Sie zeigt sich vor allem darin, wie mit der eigenen Mannschaft umgegangen wird, wenn Ergebnisse einmal ausbleiben. In vielen Amateurvereinen verbringen Ehrenamtliche unzählige Stunden auf dem Trainingsplatz. Gleichzeitig müssen sie sich mitunter mit internen Konflikten, Machtkämpfen oder ständig wechselnden Verantwortlichkeiten beschäftigen. Energie, die eigentlich in die Arbeit mit den Spielern fließen sollte, geht dadurch verloren. Erfolgreiche Vereine zeichnen sich nicht dadurch aus, dass dort nie diskutiert wird. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgen.
Der Amateurfußball konkurriert heute anders
Natürlich konkurriert der Amateurfußball mit Bundesliga, Streamingdiensten und zahlreichen Freizeitangeboten. Doch gleichzeitig konkurrieren Amateurvereine heute stärker denn je untereinander um talentierte Spieler. Wer dauerhaft erfolgreich sein möchte, muss deshalb jedes Jahr neue Spieler entwickeln und darf sich nicht darauf verlassen, einen guten Jahrgang dauerhaft halten zu können. Eine starke Jugendabteilung ist deshalb längst kein Luxus mehr – sie ist zur Überlebensfrage geworden.
Was erfolgreiche Vereine gemeinsam haben
Schaut man auf erfolgreiche Ausbildungsvereine – unabhängig von ihrer Größe – erkennt man immer wieder dieselben Merkmale:
• eine klare Ausbildungsphilosophie,
• hervorragend ausgebildete Trainer,
• langfristiges Denken,
• Vertrauen statt Aktionismus,
• Entwicklung statt kurzfristigem Erfolg.
Diese Faktoren kosten Zeit. Sie kosten Geduld. Sie kosten Engagement. Langfristig kosten sie jedoch deutlich weniger als ständig neue Spieler oder Trainer zu verpflichten.
Die eigentliche Zukunftsfrage
Der Karlsruher Amateurfußball braucht nicht in erster Linie mehr Geld. Er braucht mehr Menschen, die bereit sind, Vereine langfristig sportlich aufzubauen. Menschen, die Trainer bzw. Kinder ausbilden. Menschen, die eine Spielidee, ein Ausbildungskonzept über Jahre konsequent verfolgen. Die Zukunft des Amateurfußballs entscheidet sich nicht am Sonntag um 15 Uhr. Sie entscheidet sich unter der Woche auf den Trainingsplätzen der Jugend. Denn dort wird aus Talent Entwicklung. Und aus Entwicklung entsteht irgendwann wieder ein erfolgreicher Verein.
Ralf Bochat, Inhaber der C-Lizenz, war als Trainer und Funktionär tätig in der Jugendarbeit des TSV Reichenbach, des FC Busenbach und beim SV Karlsruhe-Beiertheim, wo er im April als stellvertretender Leiter der Fußballabteilung zurücktrat, da er und der Abteilungsleiter mit neue organisatorische und sportliche Konzepte etablieren wollten, dabei aber auf unüberwindbare Widerstände gestoßen waren. Der 54-Jährige arbeitet als Projektleiter bei Bosch in Bühl und hat mit seiner Frau zwei Kinder.
Bricht eine Lanze für die Jugendarbeit: Ralf Bochat. Foto: Angelique Bochat