Verrückte Vögel #50
Faustino »Tino« Hernán Asprilla Hinestroza

Faustino Hernán Asprilla Hinestroza heißt unser neuer Kandidat, der sich mühelos in die Serie der verrückten Vögel einreiht. Zweifelsfrei einer jener Spezies, über die man problemlos ein ganzes Buch hätte schreiben können. Geboren im November 1969 im Herzen der Anden, in Tuluá. Hier kickte »Tino«, wie ihn seine Kumpels riefen, in Badeschlappen, barfuß oder in völlig ramponierten Sportschuhen. Ein Leben auf den Straßen Kolumbiens, rau, direkt und ohne doppelten Boden.

Cúcuta Deportivo war der erste Verein Faustinos. Hier sammelte der Stürmer seine ersten Erfahrungen im Profibereich; erzielte 17 Buden in 36 Spielen und empfahl sich für den Spitzenverein Atlético Nacional Medellín, den man als größten Klub des Landes bezeichnet (1989). Trainer und Mitspieler berichten, dass er tanzte, statt sich aufzuwärmen, und im Training allzu oft den Energiespar-Modus anwarf. »Andere trainieren gut und spielen schlecht. Ich spiele lieber gut«. Und er spielte so gut, dass man in Europa, genauer gesagt in Italien, Kenntnis vom pfeilschnellen, technisch starken Stürmer nahm. »Ich war kein normaler Spieler und ich wollte auch keiner sein«. Zehn Millionen Dollar musste der AC Parma nach Kolumbien überweisen, um sich seine Dienste zu sichern. Mit dem Stürmerstar aus Südamerika kamen die bunten Fußballschuhe in die Stadien Europas; daran musste man sich erst gewöhnen, ebenso an Asprillas offene und ehrliche Art bei Interviews, in denen er nie ein Blatt vor den Mund nahm. Das Jahr 1993 … Kolumbien schlägt im Estadio Monumental in Buenos Aires den großen Bruder Argentinien mit 5:0. Rincón, Valderrama und Asprilla plus die ganze Bande wurden gefeiert wie Rockstars. Jeder in der Heimat erkannte die Jungs auf der Straße. Im gleichen Jahr gewann der AC Parma den Europapokal der Pokalsieger. Man könnte meinen, Asprilla stand ganz oben in der Nahrungskette; der gute »Tino« entdeckte allerdings auch die schönen Nächte und die Partys drumherum. »Ich habe immer so gelebt, wie ich wollte. Fußball war wichtig, aber Spaß auch«. Mit dem AC Parma (84/25) verband der Kolumbianer seinen absoluten Durchbruch; wurde 1995 UEFA-Pokalsieger, bevor er sein Glück in England suchte.

Newcastle United (1996), kein optimales Wetter für einen tanzenden Sonnengott. »In England habe ich gelernt, im Regen zu spielen und im Regen zu feiern.« Fans erzählten sich, dass man den immer lachenden »Tino« im Supermarkt traf. Man fragte ihn nach einem Autogramm, ein Wunsch, der sofort erfüllt wurde. Doch der Stürmer wollte mehr; machte noch ein Bild mit den Fans und flachste mit dem verdutzten Anhang zwischen Cornflakes und Tiefkühltruhe während des Einkaufs. Er kam von Partys zu den Spielen und überragte. »Man wusste nicht den Tag, an dem Tino Geburtstag hatte, weil er stets mehrere Tage feierte.« Trainer sagten, er habe oft Dinge gemacht, die nicht abgesprochen waren und genau dadurch Spiele entschieden. Vor einem Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona soll er wieder einmal direkt von einer Feier gekommen sein. In der Kabine sagte er angeblich: »Gebt mir den Ball, ich kümmere mich um den Rest.« Die »Magpies« gewannen 3:2 gegen die Katalanen und Asprilla schnürte einen Hattrick. Bis heute einer der legendärsten Auftritte in der Vereinsgeschichte. Kultfigur bei den Fans, grundehrlich in der Kabine, undiszipliniert in Sachen Pünktlichkeit. Es sollte sein letzter längerer Aufenthalt sein (48/9). Er kehrte nach Parma zurück (12/1), gewann 1999 nochmals den UEFA-Pokal und wurde Meister in der Serie A, bevor ihn das Heimweh nach Südamerika trieb. Brasilien (Palmeiras 12/8), Mexiko (2001, Atlante), Kolumbien (2002, Atletico Nacional), Chile (2003, Universidad de Chile), Argentinien (2003, Estudiantes La Plata) und erneut Kolumbien (2004, Cortulu) waren die Stationen auf seinem heimatlichen Kontinent, bevor er 2004 seine Karriere beendete.

In seiner Zeit in Medellín sorgte Faustino nochmals für faustdicke Schlagzeilen. Er wohnte auf einer abgelegenen Farm, hielt Tiere und genoss die Ruhe. Zum Training reiste er mit seinem eigenen Hubschrauber an, den er auf einem Nebenplatz »parkte«. Noch heute lebt »Tino« auf seiner Farm und ist ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Er absolvierte 50 Länderspiele (20 Tore) und nahm zweimal an einer WM teil (1994, 1998). Für Aufsehen sorgte er vor wenigen Jahren, als er Kondome mit dem Namen »Tino« auf den Markt brachte. Typisch Asprilla, könnte man meinen …





pfoschdeschuss • 09.02.26