Texas Instruments erfindet den Taschenrechner; der Geldautomat lernt das Laufen und der Kiebitz wird zum ersten Vogel des Jahres in Deutschland gewählt. Übrigens weder verwandt noch verschwägert mit dem heutigen Autobahn-Kiebitz, der bei schlimmen Unfällen seine Geschwindigkeit drosselt und völlig erregt Bilder schießt. Während der gefiederte Kiebitz unter Artenschutz steht, gehört sein motorisierter Namensvetter eher unter Führerscheinentzug. Im gleichen Jahr werden Botswana und Lesotho unabhängig, während die sowjetische Raumsonde Luna auf dem Mond landet.
Die englische Firma Umbro entdeckt die Kraft, die darin steckt, Nationalmannschaften mit ihren Leibchen einzukleiden. Viele Teilnehmer der Weltmeisterschaft im Fußball-Mutterland wurden kostenlos von Umbro ausgestattet. Die Ausnahmen bildeten Argentinien (Sportlandia), Brasilien (Athleta), Bulgarien (keinen), Frankreich (Le Coq Sportif), Ungarn (keinen), Italien (Marango Sport), Nordkorea (keinen), Portugal (Marlec), die Schweiz (Tusa) und Uruguay (keinen). Die Weltmeisterschaft war somit auch eine internationale Modenschau, bei der allerdings weniger die Laufstege als vielmehr die Laufwege entscheidend waren.
Schon in der Qualifikation steckte ordentlich Zunder. Der afrikanische Verband boykottierte die WM, weil er es für ungerecht hielt, dass man sich mit einem anderen Kontinent um einen Startplatz streiten musste. Syrien, das aus geografischen Gründen in einer europäischen Gruppe starten sollte, zog sich aus Loyalität zu den afrikanischen Mannschaften noch vor dem ersten Qualifikationsspiel zurück. Am Ende blieben Nordkorea und Australien, die um den letzten freien WM-Platz kämpfen mussten. Da die Australier Nordkorea keine Einreisegenehmigung erteilten und Nordkorea über kein FIFA-taugliches Stadion verfügte, fanden beide Spiele in Phnom Penh (Kambodscha) statt. Nordkorea setzte sich mit 6:1 und 3:1 durch und war bei der Weltmeisterschaft dabei.
Ein Kuriosum lieferte der irische Verband, der aufgrund eines höheren Gewinns die erste Teilnahme Irlands verzockte. Die Iren mussten gegen Spanien in London um den letzten europäischen Startplatz streiten. Die Spanier wollten aber partout nicht in England antreten und schlugen den Iren einen Deal vor. Man versprach dem Gegner die gesamten Einnahmen, wenn man in Paris spielen könne. Irland nahm die Knete und reiste nach Paris, wo man nahezu ein Auswärtsspiel erwartete. Die französische Hauptstadt war in spanischer Hand. José Ufarte war der Schütze des goldenen Treffers – Irland musste mit vollem Tresor die Weltmeisterschaft von der Couch aus ansehen. Sportlich pleite, finanziell saniert. Eine Geschäftsphilosophie, mit der man heute vermutlich problemlos einen Fußballverein führen könnte.
In Gruppe 4 kam es zu einer der größten Sensationen der WM-Geschichte. Nordkorea siegte gegen Italien mit 1:0. In Middlesbrough erzielte Pak Doo-ik den goldenen Treffer für das asiatische Land. Mit drei Punkten wurden die »Sozialisten« das erste asiatische Team, das bei einer WM-Endrunde die Gruppenphase überstand. Gemeinsam mit der Sowjetunion kamen die Nordkoreaner weiter. Der zweifache Weltmeister aus Italien musste heimreisen und nahm Chile mit. Ein Fußballzwerg schickte einen Giganten nach Hause – ganz ohne diplomatische Beziehungen, dafür mit einem Einschuss.
In der dritten Gruppe musste Doppelweltmeister Brasilien das Aus hinnehmen. Zwei 1:3-Pleiten gegen Ungarn und Portugal sorgten für die Überraschung. Gemeinsam mit Bulgarien schied man aus – Portugal und Ungarn durften weiterkommen. Auch Pelé konnte die vorzeitige Heimreise nicht verhindern. Der Zauberfuß war diesmal weniger Zauberer als Zielscheibe.
Deutschland und Argentinien setzten sich in Gruppe 2 durch. Wieder einmal mussten die Spanier die Segel streichen. Gemeinsam mit der Schweiz hieß es »Goodbye, Birmingham, goodbye Sheffield«. Die zweite südamerikanische Mannschaft, die weiterkam, war Uruguay. Die Himmelblauen rockten Gruppe 1 gemeinsam mit Gastgeber England. Frankreich frequentierte den Ärmelkanal, um das Scheitern der Heimat mitzuteilen. Die Mexikaner hatten die deutlich längere Heimreise.
In Runde zwei musste Argentinien das schwere Los auf sich nehmen und gegen Gastgeber England in Wembley antreten. Über 90.000 Zuschauer peitschten die »Three Lions« nach vorne. In der 35.Minute schickte der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein den Kapitän der Südamerikaner, Antonio Rattín, vom Platz. Der aber weigerte sich, das Geläuf zu verlassen, und verlangte einen Dolmetscher. Nach minutenlanger Unterbrechung konnte das Spiel fortgeführt werden. Geoff Hurst war in der 78.Minute zur Stelle und köpfte die Briten ins Halbfinale (1:0). Coach Alf Ramsey bezeichnete das Spiel der »Albiceleste« als das von Tieren und verweigerte den Handschlag. Ein diplomatisches Nachspiel war damit praktisch vorprogrammiert.
Auch das zweite verbliebene Team der Südamerikaner musste die Heimreise antreten. Der zweifache Weltmeister aus Uruguay hatte gegen den einmaligen Weltmeister aus Deutschland keine Chance. Wie die Kollegen aus Argentinien verzeichneten auch die »Urus« Feldverweise. Gleich zwei Akteure mussten frühzeitig entschleunigt werden. Zweimal Haller, Seeler und Beckenbauer kreierten einen überzeugenden 4:0-Sieg vor 40.000 Besuchern im Hillsborough-Stadion von Sheffield.
Die Überraschung der Vorrunde, das Team aus Nordkorea, bekam es mit Portugal zu tun. Der Israeli Menachem Ashkenazi wurde als Schiedsrichter im Liverpooler Goodison Park eingeteilt. Der traute seinen Augen nicht, als er nach 25 Minuten das 3:0 der Koreaner notierte. Ein Eusébio fand in der kommunistischen Lebenslehre wohl keine Berücksichtigung – zumindest schien man ihn im abgeschotteten Nordkorea nicht zu kennen. Innerhalb von 32 Minuten drehte der Portugiese mit vier Treffern das Spiel zugunsten der Kicker von der Algarve. Aus einem 0:3 wurde ein 4:3. Am Ende gewann Portugal gegen den neuen Publikumsliebling mit 5:3. Der portugiesische Superstar hatte sich offenbar vorgenommen, den nordkoreanischen Fünfjahresplan innerhalb einer halben Stunde zu erledigen.
Juan Gardeazábal Garay war es vergönnt, den vierten Vergleich zu leiten. Der Spanier musste die verhältnismäßig verhaltene Rutsche zwischen der Sowjetunion und Ungarn pfeifen. Die Sowjets um die »Schwarze Spinne« im Tor, Lew Jaschin, gewannen mit 2:1 und feierten im Roker Park von Sunderland ebenfalls den Einzug ins Halbfinale.
Ein Krimi im ersten Halbfinale in Liverpool: Deutschland gegen die riesige Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges. Woronin verletzte sich im Laufe der ersten Halbzeit und musste durchspielen. Auswechslungen waren bei dieser WM noch nicht erlaubt. Zudem wurden die Deutschen wieder einmal durch einen Platzverweis des Gegners begünstigt. Tschislenko musste kurz nach Hallers 1:0 vom Platz. Im zweiten Durchgang konnte der 20-jährige Beckenbauer Jaschin mit einem Fernschuss überraschen und auf 2:0 erhöhen. Die Sowjets gaben aber nicht auf und verkürzten durch Porkujan auf 1:2. Damit stand der DFB wieder einmal in einem Endspiel.
Verwirrung um das zweite Match zwischen dem Gastgeber und Portugal. Eigentlich hätte das Spiel in Liverpool stattfinden sollen. Portugal hätte bleiben können - England hätte reisen müssen. Doch aus kommerziellen Gründen sah man nun vor, den Spielplan zu ändern. Wembley diente kurzerhand als Spielfläche, was dem englischen Team den Umzug ersparte. Portugal war nun gezwungen, die Residenz zu wechseln. Die Gastgeber genossen Heimrecht mit Hausmeisterservice, während die Portugiesen ihre Koffer erneut packen durften. Charlton contra Eusébio – der Engländer traf zweimal, Eusébio einmal, und Banks im britischen Tor machte das Spiel seines Lebens. Die Hausherren siegten mit 2:1, und die Geschichte ist hiermit fast fertig.
Das Endspiel gewann bekanntlich England durch das berühmte Wembley-Tor. Über kein Endspiel wurde in den letzten 60 Jahren mehr berichtet. War der Ball drin oder nicht? Eine Frage, die vermutlich noch diskutiert wird, wenn die Menschheit längst auf dem Mars Fußball spielt und Roboter im Kölner Keller über die Erosion ihrer Scharniere diskutieren. Aber ebenso lange dauert der Fluch der Insulaner an, die vorher und nachher keinen einzigen Titel mehr holten - außer einem Top-Ten-Titel mit »Football Is Coming Home« von The Lightning Seeds im Jahre 1996. Der erscheint allerdings nicht im Trophäenschrank der »Three Lions«.