Dass die Inder 1950 nicht zur Weltmeisterschaft nach Brasilien reisten, weil ihnen verboten wurde, barfuß zu spielen, ist eine Unwahrheit. Vielmehr waren dem Vertreter aus Asien die Reisestrapazen zu aufwendig und zu teuer, sodass die Burschen vom Brahmaputra dankend auf eine Teilnahme verzichteten.
Im zerstörten Europa fand sich nach dem Zweiten Weltkrieg kein Land, das imstande gewesen wäre, dieses Turnier auszurichten. Brasilien erklärte sich bereit, den Wettbewerb nach Südamerika zu holen. Neben Indien zogen auch Schottland und die Türkei ihre Teilnahme zurück. Ersatz ließ sich auf die Schnelle keiner beschaffen, sodass die Weltmeisterschaft nach einer zwölfjährigen Durststrecke mit lediglich 13 Mannschaften stattfand. Neben Gastgeber Brasilien, das eigens das Maracanã-Stadion für die WM errichtete, traten Bolivien, Chile, Paraguay und Uruguay als südamerikanische Vertreter an. England, Italien (Weltmeister), Jugoslawien, Spanien, Schweden und die Schweiz kamen aus Europa. Mexiko und die USA hießen die Teilnehmer aus Nord- und Mittelamerika. Joseph »Joe« Gaetjens aus Haiti sorgte für die größte Sensation der damaligen WM-Geschichte, obgleich Haiti gar nicht teilnahm. Der Mann aus Port-au-Prince spielte überraschend für die USA, obwohl er nie amerikanischer Staatsbürger war. Das schien damals problemlos zu funktionieren, und ich kann versichern, dass Donald Trump in diesem Fall nicht seine Finger im Spiel hatte. Er war damals gerade einmal vier Jahre alt und dürfte zu diesem Zeitpunkt höchstens darüber nachgedacht haben, wie man Bauklötze möglichst gewinnbringend stapelt.
Gaetjens erzielte den einzigen Treffer gegen die Engländer - eine Riesenüberraschung (1:0) - und zugleich den einzigen Sieg sowie die einzigen Punkte für die Amis, die nach der Vorrunde wieder ihre Koffer packten.
Übrigens war diese Weltmeisterschaft das einzige Endturnier ohne Endspiel. Die vier Gruppensieger spielten den Weltmeister in einer Vierergruppe aus. Vor dem letzten Spiel reichte Gastgeber Brasilien ein Unentschieden gegen Uruguay, um vor 178.000 Zuschauern im Maracanã den Titel einzutüten. Nie zuvor und nie danach besuchten dermaßen viele Menschen ein Fußballspiel. Alles lief nach Plan - Friaça brachte die Seleção in Führung. Als Schiaffino nach 66 Minuten jedoch den Ausgleich erzielte, kippte die Stimmung schlagartig. Zehn Minuten vor Schluss war es Ghiggia, der die »Urus« zum zweiten Weltmeistertitel schoss. Das Spiel löste in Brasilien nationales Entsetzen aus und ging als »Maracanazo« - das Maracanã-Desaster - in die Geschichte ein. Vermutlich war die Geräuschkulisse anschließend ungefähr so lebendig wie auf einem Schachturnier der Gartenzwerge.
»Nur drei Menschen haben das Maracanã zum Schweigen gebracht: Frank Sinatra, der Papst - und ich«, sprach Staatsheld Ghiggia, bevor er den Pokal stemmte.
Brasilien, das bis dahin stets weiße Leibchen getragen hatte, änderte danach sein Outfit. Die weißen Trikots sollten nie wieder getragen werden. Brasiliens Schlussmann Barbosa wurde für die Niederlage jahrzehntelang verantwortlich gemacht und erzählte in einem Interview: »Die höchste Strafe für ein Verbrechen beträgt in Brasilien 30 Jahre. Ich bezahle seit 50 Jahren für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe.« Ademir wurde mit neun Treffern Torschützenkönig, Zizinho war der überragende Akteur des Turniers.
Ausrüsterverträge? Im Jahre 1950 noch immer tief im Schlummerland. St. Blaize und die Hope Brothers lieferten die Klamotten für die Engländer. Athleta, ein Textilhersteller aus São Paulo, war für Brasilien zuständig. Spalding - heute vor allem durch US-Sportarten wie Baseball und Football bekannt - rüstete damals die Mexikaner aus. Ein Sporthaus aus Chicago, das 1876 vom ehemaligen Baseballprofi Albert Goodwill Spalding gegründet worden war. Die »Amis« selbst wurden von der heutigen Basketball-Größe Wilson ausgestattet. Wie Spalding stammte auch Wilson aus Chicago. Damals war es offenbar noch völlig normal, dass Baseballfirmen Fußballtrikots nähten. Heute würde wahrscheinlich ein Hersteller von Toastern den Formel-1-Weltmeister ausrüsten und niemand würde sich mehr wundern.


pfoschdeschuss • 04.08.26