»Der kann ja gar nichts!« Zaungäste beim Training des FC Southampton rieben sich verwundert die Augen, als dieser Senegalese über den Platz stolperte, als hätte er Taucherflossen an und zum ersten Mal festen Boden unter den Füßen. »Nationalspieler? Von San Marino? Im Unterwasser-Rugby?« Aly Dia hieß der 31-Jährige, dessen Vita eher nach Verbandsliga als nach Weltkarriere klang und der es tatsächlich zu genau einem Spiel beim FC Southampton brachte. Wie kam es dazu, dass ein Profi-Club einen Mann verpflichtet, der zuvor nie auffiel und das in einem durchaus fortgeschrittenen Fußballeralter? Er selbst rief Graeme Souness an und gab sich am Telefon als George Weah aus. In dieser Rolle empfahl er seinen Cousin Aly Dia als »talentierten« Stürmer. Der Southampton-Sportchef schenkte dem Anruf Glauben und lud den vermeintlichen Cousin zum Training ein. Die dort vorgetragene Darbietung schien die Späher nicht restlos zu überzeugen; trotzdem erhielt Dia einen Monatsvertrag bei den Rotweißen. Von Hape Kerkeling war übrigens keine Spur zu sehen.
Am 23.November 1996 wurde der »Blender« gegen Leeds United eingewechselt. Nach 53 Minuten nahm man ihn wieder vom Platz und löste seinen Vertrag auf, nachdem bekannt wurde, dass er mit George Weah ungefähr so viel gemeinsam hatte wie Donald Duck mit dem DAX. Kontrollierte wirklich niemand seine Vita? Der Mann war bereits 31 und hatte seine Karriere 1988 beim AS Beauvais Oise in der vierten Liga Frankreichs begonnen. Der 1965 in Dakar geborene Dia fiel dort mit einem Spiel und 0 Tore kaum ins Gewicht und musste sich in der zweiten Mannschaft beweisen (19/3). Sein nächster Versuch führte den »Irrwisch« zu Cercle Dijon, ebenfalls unterklassig angesiedelt und ebenso wenig begeistert von seinen Qualitäten (3/0) … auch hier wurde er in die Reserve versetzt (17/3). Über ES La Rochelle (1/0) und Olympique Saint Quentin (6/1) gelangte Aly Dia nach Finnland zu Finnairin Palloilijat. Dort hoffte der mittlerweile 30-Jährige auf den späten Durchbruch. Doch weder hier (5/0) noch bei Pallokerho-35 (3/1) konnte er nachhaltig überzeugen. Irgendwie entdeckte der Westafrikaner schließlich die Grenze zur Bundesrepublik, und so kamen die Bürger von Lübeck in den zweifelhaften Genuss, den späteren »Aufmischer« beim VfB Lübeck zu bestaunen. Die Gelegenheit war allerdings überschaubar; nur zweimal lief er für die Grünweißen auf (2/0). Nächste Station war im Nordosten Englands Blyth Spartans, ebenfalls in Grünweiß unterwegs. Dort absolvierte er genau ein Spiel, bevor der dubiose Anruf in Southampton ihm zu einem kurzen Gastspiel im Profitum verhalf.
Später bestritt Dia, alles erfunden zu haben, und war überzeugt, gut genug für den Profifußball zu sein. Das unterscheidet ihn von vielen Fachleuten außer Graeme Souness und erinnert an jene 16-jährigen Amateur-Kicker, die bereits mit Berater auftreten, als stünde der Ballon d Or vor der Tür.
Nach seinem Engagement wechselte Dia zum FC Gateshead, die mit dem »ehemaligen Profi« für Aufmerksamkeit sorgten. »Wir haben den schlechtesten Profi, der jemals in der Premier-League gespielt hat, verpflichtet!« Eine PR-Aktion mit Augenzwinkern, die durchaus Zuschauer anlockte. Acht Einsätze wurden es dort (2 Treffer), bevor der »Fußball-Prinz« letztlich das tat, was er wirklich konnte: Er verkaufte seine Geschichte, begann mit Jugendlichen in Frankreich zu arbeiten, besuchte Kurse und engagierte sich im Bildungs- und Jugendbereich.
Doch eines nimmt dem Senegalesen niemand mehr: Er absolvierte als Normalo ein Spiel in der Premier League. Davon träumen andere Pseudo-Stars ein Leben lang.

pfoschdeschuss • 14.02.26