Valeriy »Polkovnik« Lobanowskyi
Dass Valeriy Lobanowskyi als Trainer ein eigenartiger Geselle war, ist bekannt. Um ehrlich zu sein: Ich habe diesen Mann nie lachen sehen. Der »Grammel« spielte jedoch vor seiner Trainerkarriere bei Dynamo Kiew, Tschornomorez Odessa und Schachtjor Donezk (1959 bis 1968) und beendete seine Laufbahn früh, um sich als junger Trainer zu profilieren. Der 1939 in Kiew geborene Lobanovskyi verstarb 2002 in Saporischschja … Dass Russland den Blutsbruder Ukraine überfällt? Damals undenkbar …
Als Spieler absolvierte er ungefähr 250 Partien und erzielte rund 70 Treffer, ausschließlich in der sowjetischen Liga. Er beobachtete viel und sprach wenig. Nach manchen Spielen saß der Ukrainer noch stundenlang in der Kabine und analysierte jede Aktion, während seine Kameraden längst beim Wodka im Vereinsheim saßen. Er eckte bei sämtlichen Trainern an, weil er Taktik und Training hinterfragte. Ein Grund, warum er seinen Herzensverein Dynamo Kiew verließ und nach Odessa wechselte. Der Student für Wärmetechnik am Polytechnischen Institut in Kiew sah sich sehr früh als Trainer, weil … »Ihn das Spiel als System mehr interessierte als das Spielen selbst.« Mitspieler erzählten, dass »Polkovnik« (Der Oberst) auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel hinter dem Busfahrer saß und Formeln paukte. Einige Kollegen hielten ihn für sonderbar oder arrogant, andere für außergewöhnlich diszipliniert. Der Spezialist für »trockene Blätter«, wie man direkt verwandelte Eckbälle in seinem Umfeld nannte, übte Standards, ohne müde zu werden. Er soll nach dem Training Dutzende Eckbälle geschossen haben, immer mit exakt dem gleichen Anlauf, als würde er eine wissenschaftliche Versuchsanordnung durchführen. Er holte sich Meinungen von Physikern ein, die gemeinsam mit ihm an der Hochschule in Kiew arbeiteten. Ingenieure berechneten Drall und Luftströmung und zeichneten alles auf, was »Loban« anschließend auf dem Platz praktisch umsetzte. Nicht nur für damalige Verhältnisse außergewöhnlich, sondern beinahe manisch. »Fußball ist kein Chaos. Fußball ist ein System von Zahlen, Raum und Zeit.«
Im Jahre 1969 wurde der zweimalige Nationalspieler der UDSSR Trainer bei Dnipro Dnipropetrowsk und führte den Verein erstmals in die höchste sowjetische Liga. Der Durchbruch für den Dreißigjährigen im ersten Trainerjahr. Heute würde man sagen … ein Senkrechtstarter mit Taschenrechner. Dreimal stand er bei Dynamo Kiew im Amt; er trainierte die Sowjetunion, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Ukraine, oft parallel zum Posten des Vereinstrainers. »Warum spielt dieser Spieler nicht?« »Weil wir Fußball spielen, nicht Namen aufstellen.« Pressekonferenzen, die nach zwei Sätzen endeten; Reporter, die ohne Antwort zurückblieben. Einen lustigen Abend mit »Loban«? Dagegen wirkt Sergej Wiktorowitsch Lawrow wie ein Entertainer. »Emotionen helfen für Minuten. Organisation hilft für neunzig.«
In den Siebzigern ließ »Der Oberst« regelmäßig Leistungstests und Messungen durchführen. Spieler kamen nach dem Training in den Speisesaal und wurden wieder hinausgeschickt. Lobanowskyi ließ sie vor und nach dem Training wiegen, um festzustellen, wie viel Flüssigkeit (Gewicht) sie im Training verloren hatten. Dafür holte er den Mathematiker Anatolij Seljuk ins Boot, der diesen Aderlass mit schwindligen Formeln analysieren sollte. Acht mal Meister in der UDSSR; sechsmal Pokalsieger in der UDSSR; zweimal Europapokalsieger der Pokalsieger; einmal UEFA-Pokal-Sieger, fünf Mal ukrainischer Meister, dreimal ukrainischer Pokalsieger ….
In einem Wintertrainingslager im kalten Russland herrschte ein Wetter, bei dem selbst Pinguine nach einer Wolldecke gesucht hätten. Die Spieler wollten bei eisigem Wind, dichtem Schneefall und kaum Sicht das Training beenden. Lobanovskyi ließ weitermachen. Nicht aus Härte oder Häme. Er erklärte später, Spiele würden auch unter schlechten Bedingungen entschieden, und der Gegner leide genauso. Ein Verteidiger erinnerte sich: »Wir waren wütend, aber im Frühjahr waren wir die fitteste Mannschaft der Liga.« Als er einen Spieler nach zwei Treffern auf die Bank setzte, erklärte der Coach, dass die Mannschaft mit dem individuell schwächeren Spieler besser funktioniere. Das System stand über dem Einzelnen. »Warum hat Ihre Mannschaft heute gewonnen«, fragte der Reporter. »Weil wir besser vorbereitet waren. Das Spiel bestätigt nur die Vorbereitung.« Seine einzige Phase im Ausland wurde als »nicht zufriedenstellend« bezeichnet. Die Einstellung der Spieler in den Emiraten und der Führungsstil des Ukrainers passten nicht optimal zusammen.
Symbolisch für ihn und sein Leben: Bei einem Ligaspiel erlitt er 2002 einen Schlaganfall auf der Bank; wenige Tage später verstarb das Urgestein im Krankenhaus an den Folgen. Das Stadion von Dynamo Kiew heißt heute Valeriy-Lobanovskyi-Dynamo-Stadion, vor dem, wie sollte es anders sein, sein Denkmal steht. Es zeigt ihn mit Mütze, Mantel und Notizblock auf einer Trainerbank sitzend, als würde er noch immer Zahlen, Raum und Zeit sortieren.

pfoschdeschuss • 14.02.26